Merkel gegen Schulz : Beeinflusst das TV-Duell die Wähler?

Jeder zweite Wähler ist noch unentschlossen. Ist das die Chance für den Herausforderer? Aber: Es reicht nicht, keine Fehler zu machen.

Til Knipper, Jana Vogel
„Macht! Kampf! Wahl!“: Für die ZDF-Dokumentation zum Endspurt des Bundestagswahlkampfes hat der Künstler Dejan Kutanoski ein Doppelportrait von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) gesprayt. Die Sendung ist in der ZDF-Mediathek zu sehen.
„Macht! Kampf! Wahl!“: Für die ZDF-Dokumentation zum Endspurt des Bundestagswahlkampfes hat der Künstler Dejan Kutanoski ein...Foto: ZDF und Frank Vieltorf

Vielleicht könnten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ja mal ein Beispiel an ihren französischen oder amerikanischen Kollegen nehmen. Es würde zumindest den Unterhaltungsfaktor des TV-Duells erhöhen, das heute Abend voraussichtlich mehr als 20 Millionen Zuschauer vor die Fernsehbildschirme locken wird.

Es ist aber nur schwer vorstellbar, dass Schulz Merkel vorwerfen wird, sie sei „der Kandidat der ungezügelten Globalisierung, der Uberisierung, der Prekarisierung und des Kriegs aller gegen alle“. All das sagte Marine Le Pen ihrem Kontrahenten Emmanuel Macron im französischen TV-Duell ins Gesicht kurz vor der zweiten und entscheidenden Stichwahl, die Macron dann klar für sich entscheiden konnte. Eher unwahrscheinlich ist auch, dass Schulz die Kanzlerin als „so eine scheußliche Frau“ bezeichnen wird, fordert, sie hinter Gitter zu bringen, oder gar droht, dass Wahlergebnis nur dann anzuerkennen, wenn er gewinnt, so wie es Donald Trump in einem der drei Fernsehgefechte mit Hillary Clinton tat, ohne damit seinen späteren Wahlsieg verhindern zu können.

Auch wenn es dramaturgisch reizvoll wäre, ist es aus wissenschaftlicher Sicht den Kandidaten in keiner Weise zu empfehlen. „Persönlich diffamierende Angriffe akzeptiert der deutsche Wähler überhaupt nicht“, sagt der Mainzer Politikwissenschaftler Thorsten Faas, der alle bisherigen TV-Duelle bei den Bundestagswahlen seit 2002 wissenschaftlich analysiert hat. Auch heute wird wieder eine bunt gemischte Gruppe von 250 Probanden unterschiedlichen Alters und verschiedenster politischer Präferenzen unter Faas’ Aufsicht die Auseinandersetzung zwischen Merkel und Schulz verfolgen. Die Probanden müssen unmittelbar vor der Sendung und direkt danach einen Fragebogen ausfüllen und können während der Debatte mit einem Drehregler ihre Zustimmung oder Ablehnung zum gerade Gesagten ausdrücken. So kann Faas sekundengenau und fast in Echtzeit analysieren, was beim Wähler ankommt und inwiefern sich die Präferenzen durch das Duell möglicherweise verschieben.

Die Frage, die vor jedem TV-Duell im Raum steht, kann aber auch Thorsten Faas nicht abschließend beantworten: Kann das TV-Duell den Ausgang der Bundestagswahl entscheidend beeinflussen? „Es ist auf jeden Fall das wichtigste Einzelereignis im Wahlkampf, auch dieses Jahr. Wissenschaftlich nachweisbar ist, dass es zu einer höheren Wahlbeteiligung bei denen führt, die es gesehen haben“, sagt Faas. Das Duell ist gleichzeitig der Startschuss für die heiße Phase des Wahlkampfs. Durch die große Reichweite werden auch die politisch weniger interessierten Bürger erreicht, an denen der Wahlkampf bisher vorbeigegangen ist.

Es kommt selten zu Verschiebungen der Parteipräferenz

Für die Kandidaten geht es vor allem um die Mobilisierung der eigenen Anhänger. Die werden durch ein gutes Abschneiden ihres Kandidaten motiviert, auch tatsächlich am 24. September an die Wahlurne zu gehen. Zu Verschiebungen bei der Parteipräferenz kommt es dagegen eher selten. „Dazu müsste ein Kandidat deutlich besser sein als der andere. Grobe Fehler haben wir aber bislang in Duellen in Deutschland nicht gesehen“, sagt Faas. Das bestätigen auch die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen. „Nach den vergangenen beiden Debatten 2009 und 2013 zeigten sich in unseren Umfragen kaum Unterschiede bei der Sonntagsfrage“, sagt Andrea Wolf, Geschäftsführerin des Wahlforschungsinstituts, das für das ZDF die Wahlprognosen und -hochrechnungen erstellt. Sowohl die Union als auch die SPD verharrten 2013 nach dem Duell in den Umfragen bei ihren Werten von 41 Prozent und 26 Prozent. Bei der Kanzlerfrage sah es kaum anders aus. Merkel verlor einen Prozentpunkt, Peer Steinbrück aber auch, sodass der Vorsprung der Kanzlerin auch nach dem Duell weiterhin komfortable 29 Prozentpunkte betrug.

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