• Merkel, Guttenberg und die Fehlerkultur: Aus Selbstkritik allein folgt noch kein Neuanfang

Merkel, Guttenberg und die Fehlerkultur : Aus Selbstkritik allein folgt noch kein Neuanfang

Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg haben Fehler eingestanden. Sie hätten zeigen können, wie eine moderne Fehlerkultur aussieht. Doch beide machten es falsch. Ein Kommentar.

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Es war nicht alles schlecht in der Flüchtlingspolitik.
Es war nicht alles schlecht in der Flüchtlingspolitik.Foto: dpa

Viele werfen den Deutschen vor, keine Fehlerkultur zu haben. Wenn etwas misslang, ein Unternehmen insolvent oder ein Vorhaben gründlich in den Sand gesetzt wurde, gibt es keine zweite Chance. Stattdessen wird der Verursacher verspottet, ausgegrenzt und fallen gelassen.

Insofern ist es bemerkenswert, dass in den vergangenen Tagen gleich zwei Politiker – Bundeskanzlerin Angela Merkel und der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – Fehler eingestanden haben. Bei der Gelegenheit hätten sie zeigen können, wie eine moderne Fehlerkultur aussieht. Doch beide machten es falsch.

Merkel hat in der Flüchtlingsfrage Fehleinschätzungen und schlechtes Kommunikationsmanagement zugegeben. Sie würde heute vieles anders machen, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte. Ähnliches hat Guttenberg bei einem Auftritt in Berlin gesagt. Er schäme sich in Grund und Boden, bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Der ehemalige Star der CSU sprach von Hybris.

Selbstkritik der Regierenden sei nicht der schlechteste Ausgangspunkt für ein aufrichtigeres Verhältnis zur Öffentlichkeit, sagte er dann. Da hat er recht. Doch liegt in diesem Satz auch sein größter Irrtum. Selbstkritik alleine reicht nicht. Es müssen Konsequenzen folgen. Die Kanzlerin hätte sagen müssen, was sie künftig anders machen will. Stattdessen gab sie zu Protokoll, keinen Anlass zur Änderung ihres Kurses zu sehen. Guttenberg hätte erklären können, dass er sich hinten anstellen wird, wenn er wieder als Politiker in Erscheinung treten wollte.

Für alles um Verzeihung zu bitten – und sich dennoch alles offenzuhalten: Das funktioniert nicht einmal im Schuld- und Sühneverständnis der christlichen Kirchen. Hier müssen dem Schuldbekenntnis die Reue, nach Möglichkeit die Wiedergutmachung und der gute Vorsatz folgen. Sonst wird es nichts mit Vergebung und Neuanfang. Zwar ist das Eingeständnis des Versagens die Voraussetzung für die Besserung, es ersetzt sie jedoch nicht. Das gilt in der Religion genauso wie in der Politik, für die Kanzlerin genauso wie für ihren ehemaligen Verteidigungsminister.

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