Politik : Merkel im Salon

Die CDU-Chefin spricht über Glaubensfragen

Claudia Keller

Am Montagabend schaute Angela Merkel ein Philosoph über die Schulter. Und schon wirkte die CDU-Chefin entspannt und war zu Scherzen aufgelegt. Nicht dass auf einmal in der CDU-Zentrale ein neuer philosophischer Geist eingezogen wäre. Nein, die Kirchengemeinde in der Friedrichstadt hatte Merkel eingeladen, über ihren Glauben und ihre christliche Sozialisation zu sprechen. Denn die Parteivorsitzende ist Mitglied der Gemeinde.

In bester frühromantischer Tradition plauderte Merkel im Salon eines hübsch sanierten Barockhauses in Berlins Mitte, in dem vor 200 Jahren der Philosoph und Pfarrer Friedrich Schleiermacher wohnte. Es ging vor allem um Menschen und ihre Missionen. Über die ihres Vaters zum Beispiel, der als Pfarrer in die DDR übersiedelte. Und über Recep Tayyip Erdogan, den türkischen Ministerpräsidenten, den sie vor kurzem besucht hat. „Ein toller Mann“, findet Merkel, denn der habe eine Mission für sein Land. „Wir hier haben keine Mission.“ Daran kranke Deutschland. Ihre eigene Partei nahm Merkel nicht aus. Alle Parteien seien verunsichert.

„Jede Partei sucht nach einem inneren Koordinatensystem bei der Frage, was ist gerecht“, sagte Merkel und zupfte am sandfarbenen Jackett. Sie fürchte, dass die sozialen Strukturen, so wie sie heute existieren, nur noch eine kleine Gruppe erfassen. „Aber die vielen jungen Leute, die Pizza ausfahren, die eine Organisation wie Verdi anachronistisch finden, wer schützt denn die?“

Das innere Koordinatensystem vermisst die Pfarrerstochter auch bei der Debatte ums Kopftuch. Sie versteht nicht, wie das Verfassungsgericht das Kreuz im Klassenzimmer verbieten, aber das Kopftuch zulassen könne, solange nichts anders geregelt ist. „Das geht zu weit.“ Vor lauter Zugeständnissen würden manche vergessen, dass man eben in Deutschland sei und nicht in der Türkei. Da klatschten viele Gemeindemitglieder. Merkel will kämpfen, auch auf die Gefahr hin, dass am Ende ein laizistischer Staat herauskommt. Viele dankten Merkel beim Gläschen Wein im Anschluss für ihren Mut.

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