Merkel in den USA : Erstes Date mit einem Unberechenbaren

Die Kanzlerin und US-Präsident Donald Trump sind grundverschieden in ihrem Politikverständnis. Es wird ein schwieriges Gespräch

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Mit Samthandschuhen wird Angela Merkel in Washington bei ihrem ersten Treffen mit dem US-Präsidenten Donald Trump sicher nicht auftreten.
Mit Samthandschuhen wird Angela Merkel in Washington bei ihrem ersten Treffen mit dem US-Präsidenten Donald Trump sicher nicht...Foto: Geisler-Fotopress

Die Zahlen hat Angela Merkel drauf. 271 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen in den USA über die Jahre hinweg investiert, 750.000 Arbeitsplätze haben sie dort direkt geschaffen – das spult die Kanzlerin am Montag auf der Münchner Handwerksmesse herunter, ohne auch nur einmal auf ihren Sprechzettel zu schauen. Merkels Zahlen sind für ihre Reise zu Donald Trump vorbereitet worden. Beim Antrittsbesuch der wichtigsten Frau Europas beim wichtigsten Mann in Washington prallen zwei Weltbilder aufeinander. Und Merkel ist erkennbar entschlossen, ihre Sicht auf die Dinge zu verteidigen.

Gedrängt hat sie sich zu dem Termin nicht; die Einladung ging von den Amerikanern aus. Für Merkel ist Trump ein schwieriger Gesprächspartner. Dass er sie im Wahlkampf beschimpft und ihre Flüchtlingspolitik als abschreckendes Beispiel hingestellt hat – geschenkt. „Es ist immer besser, miteinander zu reden als übereinander“, sagt Merkel in München. Auch im Umgang mit Alpha-Männchen hat sie Erfahrung. Aber Trumps Ausfälle, seine Twitter-Tiraden und scheinbar spontanen Positionswechsel sind der Vernunftpolitikerin fremd. Umgekehrt ist Merkel dem Mann im Weißen Haus offenbar auch nicht recht geheuer: Bei mehreren Besuchern hat er sich erkundigt, ob die Deutsche wohl die nächste Wahl gewinnt und er also weiter mit ihr rechnen muss.
Merkel reist in doppelter Eigenschaft, als deutsche Kanzlerin natürlich, aber zugleich als amtierende Vorsitzende der G20, der Runde der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Das fügt sich insofern gut, als es ihr die Absicht erleichtert, dem „America first“-Prediger im Weißen Haus die Vorzüge des Multilateralismus in einer vielfältig vernetzten Welt nahezubringen.

Vier Stunden Gespräche in wechselnden Runden

Ohnehin liest sich der Themenkatalog für die insgesamt vier Stunden, die Merkel und Trump am Dienstag in wechselnden Runden gemeinsam verbringen wollen, wie ein Grundkurs im Fach Internationale Beziehungen. Von der Bedeutung der Nato über die Ukraine-Krise und Russlands strategische Ambitionen, die Lage im Nahen Osten, die Situation zwischen Israel und den Palästinensern, die Perspektiven Nordafrikas und Libyens, von der Lage der EU bis zur Digitalisierung, den erneuerbaren Energien und der Weltklimapolitik reichen die Fragen, die deutsche Regierungsvertreter aufzählen – nicht zu vergessen Afghanistan, wo Deutschland der zweitgrößte der internationalen Truppensteller ist.
Auf den letzten Punkt legen sie in Merkels Delegation speziellen Wert. Er soll ebenso wie Merkels Wirtschaftszahlen Trump verdeutlichen, dass seine Anklagen im Wahlkampf gegen die angeblichen deutschen Amerika-Ausbeuter und militärischen Drückeberger mehr „alternativen“ als echten Fakten entsprechen. Dabei ist die künftige Handels- und Steuerpolitik derzeit die größte Unbekannte. Zur Nato oder zur EU liegen inzwischen Stellungnahmen von Verantwortlichen in Washington vor, die die oft bedrohlich klingenden frühen Tweets von #realDonaldTrump deutlich relativiert haben. Auch die ersten Kontakte zu Trumps engerem Arbeitsumfeld, etwa Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster, stimmen deutsche Diplomaten zuversichtlich. „Das lässt sich gut an“, berichtet ein Spitzenbeamter.
Gerade in Wirtschaftsfragen fehlen aber oft noch die Ansprechpartner. Da müsse sich erst noch einiges zurechtruckeln, sagt ein deutscher Regierungsvertreter – neue US-Regierungen, nicht erst seit Trump, brauchen wegen der dort üblichen umfangreichen Personalwechsel Monate, bis ihre Ministerien arbeitsfähig sind. Merkel und ihre Leute setzen deshalb auf Überzeugungsarbeit gleich ganz oben, beim Präsidenten selbst. Und sie nehmen sich Verstärkung durch Leute mit, deren Sprache der Geschäftsmann Trump womöglich besser versteht als die ihm noch eher fremde Weltpolitik.

Manager noch ohne Ansprechpartner

Die Chefs von Siemens, BMW und des Auto-Zulieferers Schaeffler sitzen offiziell mit im Regierungsflieger, um das deutsche System der dualen Berufsausbildung vorzustellen. Sie selbst haben aber durchaus den Eindruck, dass sie Bestandteil von Merkels gesamter Argumentationsstrategie sind. Man hoffe auf „möglichst direkten Zugang“ zur US-Regierung, um Zahlen, Daten, Fakten zur Rolle der deutschen Wirtschaft für die USA platzieren zu können, heißt es aus der Wirtschaftsdelegation. Auch Trumps Strafzoll-Drohungen gegen Firmen, die in Mexiko produzieren, wollen die drei deutschen Bosse als wenig zielführend ansprechen: „Es geht um eine Demonstration der deutschen Wirtschaft – offen oder zwischen den Zeilen.“ Es geht aber in den vier Stunden – unter vier Augen, im Delegationskreis und zuletzt bei einem Mittagessen – vor allem um ein Abtasten der beiden Nummern eins. Können sie miteinander, finden sie einen Draht, gibt es eine Basis für Vertrauen, das über unterschiedliche Weltbilder und Interessen hinweg Zusammenarbeit möglich macht? Merkel hatte auf Trumps Wahl an der Grenze zum diplomatischen Eklat reagiert, als sie die künftige Zusammenarbeit von der Achtung gemeinsamer Werte abhängig machte. Jetzt versichert sie, sie freue sich „ausdrücklich“ auf den Besuch.
Der wird vor dem Hintergrund des deutschen Wahlkampfs doppelt scharf beäugt werden. Mancher legt schon Messlatten an. Grünen-Chef Cem Özdemir etwa will klargestellt wissen, dass Trump keine Separatverträge mit Deutschland neben der EU bekommt. FDP-Chef Christian Lindner fordert, Merkel müsse „unsere Interessen selbstbewusst unterstreichen“ und Trump davon überzeugen, „dass er ein Eigeninteresse an einer Kooperation mit Europa hat“. Was Merkel aber sicher ganz genauso sieht.

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