Merkel in der Krise : Die Alternativlosigkeit für Deutschland

Angela Merkel bleibt Kanzlerin, aber wer entzaubert die AfD? Eine Kolumne

Peter von Becker
Angela Merkel erklärt ihre Politik im Bundestag.
Angela Merkel erklärt ihre Politik im Bundestag.Foto: AFP

Falls Angela Merkel bei der nächsten Bundestagswahl in einem Jahr nochmal antritt, dann wird sie auch Kanzlerin bleiben. Darauf würde ich fast jede Wette eingehen. Besonders jetzt, da alle (zu Recht) vom Merkel- Tief sprechen, die Gewinnquoten für den, der auf einen Merkel-Sieg setzt, also sehr viel attraktiver wären als in den vergangenen Jahren.
Kaum eine Wette wert erscheint dagegen die schiere K-Frage. Denn dass Merkel noch einmal kandidiert, ist doch superwahrscheinlich. Warum sollte sie, die unlängst noch zur „Frau des Jahres“ gewählt wurde und der eine Hillary Clinton im großen Amerika erst nacheifern muss, warum sollte sie ausgerechnet im Stimmungstief wie eine Geschlagene kampflos abtreten? Sie wird die K-Frage ohnehin nicht mehr lange offen halten und müsste, wenn sie nicht mehr kandidierte, dann auch sofort zurücktreten. Um nicht als lahme, scheintote Ente ins Wahljahr zu treiben.

Auch andere Bundeskanzler hatten ihre Tiefs

Alle ihre Vorgänger im Amt hatten übrigens ihre Tiefs, wirkten irgendwann angezählt: durch Alter (Adenauer), Verrat und innerliche Depression (Brandt), äußere Krisen (Schmidt), Erstarrung und Spendenaffären (Kohl), umstrittene Sozialreformen (Schröder). Und bei allen, ausgenommen die relativen Kurzzeitkanzler Erhard und Kiesinger, hat sich später das Bild wieder gewandelt. In Verehrung und Verklärung, mit nostalgischen Gefühlen, sogar im Fall Schröder, der trotz Putin und Gazprom noch Charisma hat.
Auch nach Angela Merkels leisem, altmädchenhaftem Charme und ihrer staatsmütterlichen Vernunft werden sich nach ihrem Abgang (im Jahr 2019 ?) sehr viele sehnen, auch von denen, die jetzt mit „Merkel muss weg“-Plakaten rumlaufen. Das ist das eine. Und weil auch manchem ihrer Kritiker die momentane Kanzlerindämmerung schon allzu herbstlich und unheimlich erscheint, ist Merkel bei ihrem jüngsten Auftritt im Bundestag erstaunlich gut angekommen. Bei ihrer Rede während der Etatdebatte, die erste nach dem Wahldebakel in Meck-Pomm, wirkte sie für etliche Kommentatoren wieder „kämpferisch“, und es war, als hätte sie mit ihrem knallrotem Outfit gerade bei der SPD und der linken Opposition neuen Eindruck gemacht.

Es mangelt an wortmächtigen Redenschreibern im Kanzleramt

Dabei war ihre Rede einmal mehr blass. Selbst der auf das Verhältnis zur AfD und deren Polemik gegen die Flüchtlinge und die Flüchtlingspolitik zielende Satz geriet schief: „Wenn auch wir anfangen, in unserer Sprache zu eskalieren, gewinnen nur die, die es noch einfacher ausdrücken“ – so wurde die Kanzlerin vielfach zitiert. Das klang ein wenig abgeschaut von Michelle Obamas glanzvoller Rede kürzlich beim Wahlkonvent der US-Demokraten, in der sie sich von der Vulgarität der Trump-Parolen distanzierte.

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Merkel ruft etablierte Parteien zu Geschlossenheit gegen AfD auf
Merkel ruft etablierte Parteien zu Geschlossenheit gegen AfD auf

Tatsächlich aber hat Merkel vergangene Woche im Bundestag in dem zitierten Satz gesagt, dann „gewinnen nur die, die es noch einfacher und klarer ausdrücken“. Die beiden Worte „und klarer“ sind es freilich, die den Einspruch gegen die Vereinfacher fast schon wieder aufheben, die der AfD-Sprache sogar ungewollt ein Kompliment machen. Denn gemeint hatte Merkel wohl: „die es scheinbar“ oder „vermeintlich“ klarer ausdrücken. Besonders pikant: Im Text der geschriebenen Rede, den man auf der Website der Bundesregierung nachlesen kann, steht sogar „... die es noch einfacher und noch klarer ausdrücken“.
Das Detail wirkt bezeichnend. Offenbar gibt im Kanzleramt, wie an dieser Stelle schon früher beklagt, keine wirklich bedachten, keine wortmächtigen Redenschreiber mehr. Die Kanzlerin, die nun mal nicht die geborene Rhetorikerin ist, bedürfte ihrer sehr.

Die Bundespolitiker reagieren nur noch

Indes noch bedenklicher ist, wie sprachlos Berlins (bundes)politische Klasse vor und nach dem Wahlerfolg der AfD reagiert. Im Wortsinne: nur noch reagiert, nicht agiert. Lange wollte man Pegida, AfD und die neue bürgerlich-völkische Rechte am liebsten ignorieren, dann sie beschimpfen, aber fast nie wird mit ihr umfassend argumentiert. Wie getrieben lässt sich die halbe Republik, einschließlich der öffentlich-rechtlichen Medien, unablässig die Vokabeln Ausländer, Flüchtlinge, Asyl im Zusammenhang mit den Reizworten Kriminalität, Terror, Missbrauch, Abschiebung aufreden. Als gäbe es keine andere Realität mehr. Und nichts Besseres.
Fast nichts geschieht so, um jene AfD zu entzaubern, die mit Steuersenkungen für reiche Erben, Grenzschließungen und der D-Mark-Wiedereinführung auf nationalistische Neoliberale zielt, während der ahnungslose untere Mittelstand ihr als Stimmvolk dient. Das ist nun wahrlich: die Alternativlosigkeit für Deutschland.

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