Politik : Merkel macht’s Das Prinzip Meer

Kiels Landeschefin Simonis will 2005 weiterregieren. Mit viel Ökologie – und nur ein bisschen Schröder

Günter Beling[Hamburg]

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat als Führungspersönlichkeit erheblich an Ansehen gewonnen. In einer Umfrage des emnid-Instituts für das Magazin „Focus“ schätzen 71 Prozent der Befragten Merkel als durchsetzungsstark ein. Das seien 21 Punkte mehr als im Januar 2002, heißt es in einer Mitteilung des Blattes vom Samstag. Starken Rückhalt in der Partei bescheinigen ihr 56 Prozent (plus 22 Punkte). Kompetent finden Merkel 70 Prozent der Befragten. Jeweils 64 Prozent bezeichnen sie indes auch als machtfixiert und kühl.

Allerdings hat Merkel auch Vertrauen eingebüßt. Nannten sie vor zwei Jahren 75 Prozent der Befragten vertrauenswürdig, sind es jetzt nur noch 56 Prozent. Nur vier von zehn Deutschen finden Merkel sympathisch, auch dies ein Minus von 19 Punkten.

Emnid befragte insgesamt tausend repräsentativ ausgewählte Personen.dpa

Natürlich ist die Insel der Star, Heide Simonis aber irgendwie auch. „Überall in Deutschland bekommen die Menschen leuchtende Augen, wenn Sie an Sylt denken“, sagt die Ministerpräsidentin und geht ihrem Job nach: Diesmal eröffnet sie in Westerland das neue „Sylt Aquarium“, das in 25 Becken allerlei Nordseegetier und Tropenfische zeigt. Draußen ist es überhaupt nicht gemütlich. Ausläufer eines Nordatlantik-Tiefs sind mal wieder unterwegs, und die SPD fröstelt bereits im Sommer. Am 20. Februar 2005 ist Landtagswahl; in der Union kursieren schon Kabinettslisten. An diesem Sonntag feiert Simonis Geburtstag. 61 ist sie nun, seit elf Jahren im Amt. Ein paar Dienstjahre mehr könnten noch drin sein, findet Deutschlands einzige Regierungschefin.

Am Politbarometer gucken die Kieler deshalb einfach vorbei. Die SPD Schleswig-Holsteins hat gerade ihren Entwurf für ein, ja, tatsächlich, Regierungsprogramm vorgelegt. „Wir Schleswig-Holsteiner halten zusammen, auch, wenn uns ein starker Sturm ins Gesicht bläst“, heißt es darin. Die SPD habe seit 1988, seit Barschel, das Land „von alten, verkrusteten Strukturen befreit und eine dynamische Entwicklung“ eingeleitet. „Zukunft Meer“ nennt Simonis ihr rot-grün-taugliches Konzept: Zwischen Kiel und Lübeck will sie bis 2010 ein „Aqua Valley“ schaffen, mit Öko-High-Tech, maritimer Wirtschaft und Wissenschaft, einer „Meeres-Universität Nummer eins“ und einem Zentrum für Medizintechnik, mit den Wasser-Windparks, der A 20 und einer Eisenbahn- und Straßenquerung des Fehmarnbelts. Bildung lautet der zweite Schwerpunkt: In den Schulen gebe es bald eine Unterrichts- und Qualitätsgarantie. Die Kinder sollen so betreut werden, dass auch ihre Mütter berufstätig sein können. Und die Lehre aus Pisa lautet: längeres, gemeinsames Lernen, eine „Schule für alle“. Das Steuersystem müsse gerechter, der erste Arbeitsmarkt aktiv gefördert werden. Ökonomie und Ökologie sollen keine Gegensätze sein. Zur Präsentation des Programms posierte die quirlige Spitzenkandidatin am Kieler Norwegenkai auf einem Segelboot vom Typ „Optimist“. Doch derzeit ist weder Land noch eine eigene Mehrheit in Sicht.

Sich absetzen von der Schröder-SPD, geht das? Am Wahltag werde über Landespolitik entschieden, sagt Simonis. Das heiße aber nicht, „dass wir uns absetzen. Wir sind SPD und wir bleiben SPD“. Stark sei der Norden geworden, ihr Land habe einen guten Ruf, sagt die Politikerin und meint wohl ein wenig auch sich selbst. Aber da schwebt ja noch ein größerer Name wie ein Schatten über ihrem Wahlkampf: Ja, der Kanzler will auch kommen zum Wahlkämpfen. Simonis’ Werbeabteilung hat dazu einen geostrategischen Slogan geboren, der nicht allen im Willy-Brandt-Haus gefallen dürfte: „Kiel ist nicht Berlin“. 25 Prozent holten die Sozialdemokraten im Norden bei der Europa-Wahl, die CDU aber 47. Ihrem Spitzenkandidaten Peter Harry Carstensen verzeiht die gut gelaunte Union selbst einen bisher eher tapsigen Vorwahlkampf. „Jetzt ist der Wechsel fällig“, frohlockt Johann Wadephul (CDU). Das aber dachten einige schon 2000, als Volker Rühe Simonis beerben wollte.

„Die Partei steht wie eine Eins hinter der Spitzenkandidatin und ist mit ihr wesentlich besser aufgestellt als die CDU“, sagt SPD-Landeschef Claus Möller. Simonis sei nicht Schröder, und in der Steuerpolitik gebe es bei der Nord-SPD „den roten Faden der sozialen Gerechtigkeit“. Seine Partei will den Bundestrend „abpuffern“ durch konstruktive, eigene Vorschläge, die den Wählern bis zum Februar den kleinen Unterschied klar machen sollen. Simonis soll dabei der Trumpf sein: Kiel statt Berlin, starke Frau gegen schwachen Mann.

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