Politik : Merkel-Minus

Vorbehalte gegen die Kandidatin kosteten Union Stimmen im eigenen Lager

Barbara Junge

Berlin - Paul Kirchhof, Mehrwertsteuererhöhung, soziale Kälte – viele Erklärungen für die überraschenden Verluste der Union bei der Bundestagswahl konzentrieren sich bislang auf die inhaltlichen Schwerpunkte des Wahlkampfes. Nach Erkenntnissen des Meinungsforschungsinstituts Forsa hat dies aber wenig mit dem unerwartet schlechten Abschneiden von CDU und CSU zu tun. „Starke Vorbehalte gegen Angela Merkel bei den Unionswählern selbst“, konstatiert Forsa- Chef Manfred Güllner jetzt, hätten potenzielle Unionswähler zu Nicht-Unionswählern gemacht.

Genau wie bei den anderen Meinungsforschungsinstituten sorgte das Wahlergebnis bei Forsa für Erklärungsnot: Warum sagten vor der Wahl mehr als 40 Prozent, sie wollten Union wählen, während es nur 35,2 Prozent tatsächlich taten?

Vertiefende Analysen der Aussagen von Befragten zeigten jetzt ein klares Bild, sagte Güllner. Rund ein Fünftel der CDU-Wahlwilligen gaben nach den Zahlen von Forsa bei der Kanzlerpräferenz nicht Angela Merkel an. Insbesondere bei jungen westdeutschen Männern, ganz besonders in Bayern, aus mittleren Bildungs- und Einkommensschichten war diese Gruppe stark. Genau jene sind, obwohl sie zuvor angaben, die Union wählen zu wollen, entweder gar nicht erst zur Wahl gegangen (etwa eine Million) oder haben das Kreuz bei der FDP gemacht – hier hat die Union etwa eine weitere Million Stimmen verloren.

Offenbar, so der Schluss von Güllner, haben sich die unionstreuen Merkel- Skeptiker am Wahltag nicht durchringen können, der Kandidatin die Stimme zu geben. „Wir“, sagt der Meinungsforscher selbstkritisch, „haben nicht gesehen, dass die Vorbehalte gegen Merkel so stark sind, dass es die Wähler davon abhält, Union zu wählen.“ Die Ablehnung Merkels sei ein unterschwelliger Prozess gewesen und die Entscheidung deshalb erst am Wahltag gefallen.

Seine Zahlen sprechen auch gegen eine andere These: dass nämlich insbesondere Frauen Merkel abgelehnt hätten. Die Frauen sind in der für die Verluste der Union entscheidenden Gruppe unterdurchschnittlich vertreten. Das Geschlecht habe in einem anderen Kontext eine Rolle gespielt: Stoibers Worte von der „ostdeutschen protestantischen Frau ohne Kinder“, sagt Güllner, hätten sicher ihre Wirkung getan.

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