Politik : Merkel, Sarkozy, Brown: Drei Pragmatiker für Europa

Thomas Gack[Brüssel]

Selbst wer lieber eine Frau im höchsten Amt Frankreichs gesehen hätte, wird aufatmen: Wenn an diesem Mittwoch Nicolas Sarkozy in den Elysée einzieht, ist die Führungskrise überwunden – in Frankreich und in Europa. Denn spätestens seit dem Scheitern des Verfassungsreferendums vor zwei Jahren war Sarkozys Vorgänger Jacques Chirac politisch wie gelähmt. Ein Auslaufmodell, das zwar galant die Hände der Kanzlerin küsste, Angela Merkel auch beim EU-Frühjahrsgipfel in Brüssel die Bälle zuspielte, aber in der französischen wie in der europäischen Politik nichts mehr bewegen konnte.

Die Last der Verantwortung, den europäischen Karren aus der Sackgasse zu fahren, lag in den vergangenen Monaten deshalb allein bei der Kanzlerin. Der deutsch-französische Motor, der in vergangenen Jahrzehnten so oft die europäische Einigung angetrieben hat, tuckerte zeitweise nur noch auf einem Zylinder. Von diesem Mittwoch an wird Angela Merkel darauf vertrauen können, dass die Dinge wieder ins Lot kommen. Aus dem Solo wird wieder ein Duo. In Brüssel hofft man, dass Sarkozy, der unmittelbar nach seinem Amtsantritt an diesem Mittwoch der Kanzlerin in Berlin einen Besuch abstattet, neuen Schwung in die europäische Politik bringen wird. Und wenn am Ende des kommenden Monats Tony Blair wie angekündigt der Königin sein Abschiedsgesuch überreicht, dann zeichnet sich ein Dreigestirn am europäischen Horizont ab: Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und der Brite Gordon Brown, der aller Voraussicht nach britischer Premierminister wird.

Alle drei sind Pragmatiker, die nüchtern mit der Macht umgehen. Alle drei sind konservativ – auch wenn Gordon Brown wie Tony Blair mit dem Labour-Parteibuch Karriere gemacht hat. Alle drei wollen das Verhältnis zwischen Europa und den USA wieder verbessern, das sich in Zeiten des Duos Chirac/Schröder eingetrübt hatte. Und alle drei haben ihren Wählern Strukturreformen in Wirtschaft und Gesellschaft angekündigt.

Doch trotz der Gemeinsamkeiten im politischen Grundkonzept sind die drei aus Berlin, Paris und London keineswegs ein europäisches „Dreamteam“. Denn sie sind nicht nur in Charakter und Temperament sehr verschieden. Im Unterschied zu Tony Blair, der Großbritannien „in die Mitte Europas führen“ wollte, gilt Gordon Brown als euroskeptisch und bisher völlig auf die britische Innenpolitik ausgerichtet. „Er mag Europa nicht. Er versteht es auch nicht“, wird ein enger Mitarbeiter von der britischen Presse zitiert. Angela Merkel wird deshalb das kurze Zeitfenster bis zum Stabwechsel in London nutzen müssen, um den Fahrplan zum neuen EU-Verfassungsvertrag unter Dach und Fach zu bringen.

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