Merkels Wahlkampf : Keine Experimente. Oder doch?

Nach Angela Merkels blassem Auftritt beim Fernsehduell diskutiert die Union ihre Strategie für die letzten Wahlkampftage.

Antje Sirleschtov

Berlin - Die Verfassung der wahlkämpfenden Union knapp eineinhalb Wochen vor der Bundestagswahl kann man sich in etwa wie in einem Orchester vorstellen. Einem Orchester, in dem die Musiker lange Zeit darauf gesetzt haben, dass die Brillanz der ersten Geige den Applaus des Publikums schon sichern wird. Und in dem nun festgestellt werden muss, dass die Virtuosin ausgerechnet im entscheidenden ersten Satz den Ton nicht richtig getroffen hat. Was sogleich zu leichter Unruhe im Orchestergraben führt. Und natürlich die Frage aufwirft, wie zu verhindern ist, dass am Ende das gesamte Stück durchfällt.

Angela Merkels Fernsehauftritt am Sonntagabend, so viel ist klar, hat den Wahlkämpfern von CDU und CSU nicht die überzeugenden Argumente geliefert, mit denen sie die eigenen Anhänger und womöglich sogar noch Unentschlossene bis zum Wahltag aufrütteln könnten. Weder gelang es der Bundeskanzlerin, ein zweifelsfreies Bild ihrer Souveränität zu zeichnen, noch konnte die CDU-Chefin mit Argumenten und inhaltlichen Unionspositionen punkten. Weshalb in beiden Unionsparteien die Sorge vor einem Stimmungsumschwung wächst. Und alte Erinnerungen an die letzten Wahlkampfwochen 2005 wach werden. In denen schon einmal ein sicher geglaubter Sieg zerrann, quasi im letzten Akt.

Wie anders als mit ansteigender Nervosität wäre es zu erklären, dass Merkels Stellvertreterin an der CDU-Spitze, Annette Schavan, ausgerechnet am Tag nach dem TV-Duell zu Protokoll gibt, es werde nun hohe Zeit, „endlich ein Gewissen für das schwarz-gelbe Projekt als Ganzes zu entwickeln“ und statt Beliebigkeit „Antworten auf die Frage, wie wir zu mehr Gerechtigkeit und Fairness in der Gesellschaft kommen“, zu geben. Hatte es die Parteichefin am Abend zuvor etwa an Klarheit darüber fehlen lassen, dass sie mit der FDP und nicht etwa weiter mit der SPD regieren will? Oder mangelt es der Union an deutlichen Zielen und Plänen, mit denen sie den politischen Gegner mattsetzen kann?

Blickt man in die kommenden Tage, die letzten also vor der Bundestagswahl, dann deutet sich bereits so etwas wie eine leichte Korrektur im Wahlkampf von CDU und CSU an. Mehr Inhalt und mehr Anstrengung könnte man sagen. Oder in Abwandlung des Wortes eines SPD-Spitzenmannes: Mehr Maschinenraum statt Sonnendeck. Für die Berliner Runde, den nächsten TV-Politiktalk der Partei-Spitzenpolitiker, bei dem CDU- Vize Christian Wulff die Kanzlerin am Donnerstag vertreten wird, kündigte er schon mal vorsorglich an, über Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik sprechen zu wollen. Als ob das keine Selbstverständlichkeit wäre. Und am gleichen Tag wollen CDU und CSU nun auch ihre steuerpolitischen Pläne konkretisieren und erläutern.

Wie irritiert hinter den Kulissen über einen vielleicht zu wenig motivierten Auftritt der eigenen Parteien und einen stattdessen zu stark ausgeprägten „Wohlfühl-Wahlkampf“ der Regierungschefin selbst diskutiert wird, lassen erste Warnungen vor einer kritischen Selbstbeschau oder gar einem hektischen Strategiewechsel vermuten. So warnt der Fraktions-Vizechef Wolfgang Bosbach, „jetzt, zwölf Tage vor der Wahl, am eigenen Kurs und der Strategie herumzumäkeln“. Ein solches Verhalten führe erstens zu nichts Konstruktivem, bevor man keine überzeugenden Alternativen habe. Und bei den Wählern erzeuge das einzig und allein Verunsicherung. Jedem Unionspolitiker müsse klar sein, dass „es ganz, ganz eng wird“. Weshalb es gelte, „jetzt nicht die Hände in die Hüften zu stecken und über die eigene Taktik zu debattieren“. Denn „wer schon vor dem Abpfiff am eigenen Sieg zweifelt“, mahnt Bosbach, „dem schießt der Gegner leicht ins Tor“. Ratsam sei auch, die eigenen Erwartungen an den TV-Auftritt der Kanzlerin zu hinterfragen. Merkel sei nun mal „keine Schauspielerin, die mal den Arbeiterführer und mal den Kanzler der Bosse“ geben könne. Gerade dafür schätzten sie die Menschen auch.

Merkel selbst zeichnete an diesem Dienstag erst einmal weiter an ihrem präsidialen Bild. Bei einer historisierenden Deutschlandtour mit dem „Rheingold-Express“ erinnerte sie an den Amtsantritt des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer vor 60 Jahren und nutzte sogar dessen Slogan „Keine Experimente“, um für ein schwarz-gelbes Bündnis zu werben. In der heißesten Phase des Wahlkampfes, Ende kommender Woche, will sie sogar zum G-20-Gipfel nach Pittsburgh reisen. „Nur schöne Bilder und schöne Worte“ stichelt bereits das SPD-Wahlkampfteam. Und wahrlich: Nach Maschinenraum sieht es nicht wirklich aus.

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