Politik : Messbar

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Früher einmal war ja Berlin als Ganzes der Seismograph, den die Welt benutzte, um die Erschütterungen durch den Ost-West-Konflikt zu messen. Der Kalte Krieg ist nun in Rom einmal mehr zu Grabe getragen worden, doch stattdessen gibt es den Krieg gegen den Terror. Auch für den hält Berlin einen Seismographen bereit.

Diesmal ist es nicht mehr die gesamte Stadt, sondern nur ein kleines Fleckchen, ein paar Quadratmeter groß in der Dorotheenstraße. Neben der US-Botschaft liegt dort eine Bar, die an dieser Stelle schon einmal erwähnt wurde. Weil die Bar nach dem 11. September in den Sicherheitsbereich der US-Vertretung geriet, muss sich Ausweiskontrollen unterziehen, wer hier ein Bier oder einen Mai Thai schlürfen möchte. Die kontrollierenden Beamten vom Bundesgrenzschutz bewohnen hierzu seit Monaten einen Container, der seinerseits der Unterschlupf für eine wachsende Mäuse-Familie ist.

Nun wird ja immer behauptet, Europäer und Amerikaner hätten ganz verschiedene Wahrnehmungen, was die Realität der einen oder anderen Bedrohung angeht. Die Dorotheenstraße beweist, dass auch innerhalb des Bundesgrenzschutzes die Szenarien uneinheitlich bewertet werden. Beim Durchsuchen besteht der eine auf ausgezogenen Schuhen, ein anderer tastet nur ab. Ein Dritter verzichtet auf die Überprüfung, ob der Mensch an seiner Rückseite Verbotenes einschleust. Mal wird man aufgefordert, sich beim Verlassen der Bar wieder abzumelden, mal nicht. Tja, George W. Bush ist eben weg, der 11. September auch schon lange her. „So genau nehmen wir’s nicht mehr“, sagt ein Beamter. Ob der Seismograph richtig eingestellt ist? Robert von Rimscha

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