Politik : Messer gegen Messer

Elke Windisch

Russische Militärs warnten die westlichen Partner der Anti-Terror-Koalition von Anbeginn an vor den Risiken und Nebenwirkungen eines Afghanistan-Abenteuers. Bitterer eigener Erfahrung eingedenk: Mit mindestens 14 000 toten Soldaten hatte die Sowjetunion in den Achtzigern den Versuch bezahlt, den halbfeudalen Wüstenstaat auf den sozialistischen Entwicklungsweg zu bomben. Nur ein Bruchteil davon starb in offenen Feldschlachten, denen die Glaubenskämpfer schon allein auf Grund ihrer zahlenmäßigen und technischen Unterlegenheit mit konstanter Bosheit auswichen. Selbst Spezialeinheiten, so erkannte Gorbatschow, als er 1986 den Rückzug befahl, sind nur bedingt in der Lage, adäquat auf die Spezifik Afghanistans zu reagieren.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Erkenntnisse, an denen, wie die jüngsten Entwicklungen zeigen, auch westliche Strategen kaum vorbeikommen dürften. Vietnam-Erfahrung und Training in Ostanatolien oder Usbekistan ist wenig hilfreich: Dort gibt es wenigstens Ansätze einer Infrastruktur, von der nach über 20 Jahren Krieg in Afghanistan nicht einmal mehr Reste da sind. Allein schon durch seine geografische Beschaffenheit ähnelt das Land dem wilden Kurdistan Karl Mays. Gut achtzig Prozent bestehen aus unzugänglichen Bergmassiven wie dem Hindukusch und die südlichen Ausläufer des Pamirs, die Höhen um die sechstausend Meter erreichen.

Dort hatten schon die Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetischen Invasoren ein weit verzweigtes Netz von Maschienngewehrnestern, Stellungen für Scharfschützen, Munitions- und Proviantlagern angelegt. Sie verbinden kilometerlange unterirdische Gänge, deren Verlauf nur Einheimische kennen. Bomben und Bunker brechende Geschosse - Vorläufer davon probierte schon Moskau aus - bleiben da weit gehend ohne Wirkung. Gefragt sind in dem Labyrinth eher Fertigkeiten im Nahkampf: Mann gegen Mann, Messer gegen Messer, wie sowjetische Afghanistan-Veteranen erzählen.

Auch westlichen Spezialeinheiten droht ein Guerillakrieg, dessen Gesetze die Afghanen bestimmen. Vor und vor allem hinter der eigentlichen Frontlinie, die momentan ohnehin nur in Ansätzen erkennbar ist. Bisher bilden die "befreiten" Zonen im Norden kein zusammenhängendes Gebiet, die Koordination zwischen den einzelnen Warlords ist schlecht, ein gemeinsames Oberkommando existiert nur auf dem Papier.

All das aber ist nicht nur unverzichtbar für den Erfolg einer Offensive der Taliban-Gegner selbst, sondern auch für die Operationen westlicher Spezialeinheiten, die nach bisherigen Vorstellungen im feindlichen Hinterland zum Einsatz kommen sollen. Sie sind zum einen durch Verrat und überraschenden Frontenwechsel der nördlichen Feldkommandeure gefährdet und können, nachdem Washington zu Flächenbombardments und dem Einsatz von Vakuumbomben überging, zum anderen nicht einmal mehr auf die Loyalität der Bevölkerung, geschweige denn auf deren aktive Unterstützung rechnen. Dafür aber auf ausgedehnte, noch von den Sowjets angelegte Minenfelder, deren Verlegungspläne niemand mehr kennt.

Weitere Überraschungen lauern nicht nur in Form von Panzerfallen, sondern auch in Kriegslisten aus dem Mittelalter, mit denen sich die Afghanen auch in Hightech-Zeiten äußerst wirkungsvoll verteidigen: tiefe, mit angespitztem Holz bewehrte Fallgruben, die durch Saksaulgesträuch meisterhaft getarnt sind; oder Halbwüchsige, die mit Steinschleudern operieren oder einfach Felsbrocken aus sicherem Hinterhalt auf die Kafiri - die Ungläubigen - regnen lassen. Die ebenfalls beliebte Vergiftung von Wasserstellen ist da noch eine der leichteren Übungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben