Politik : „Messerstich in den Rücken“

Montenegro und Mazedonien erkennen das Kosovo an – Serbien weist Botschafter der beiden Länder aus

Norbert Rütsche[Sarajevo]

Alle Warnungen Belgrads an seine Nachbarstaaten nützten nichts – im Gegenteil, es kam knüppeldick für die serbische Führung. In einer abgestimmten Aktion haben die beiden ehemaligen jugoslawischen Republiken Montenegro und Mazedonien am Donnerstagabend die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt und angekündigt, volle diplomatische Beziehungen mit Pristina aufzunehmen. Dies geschah nur einen Tag, nachdem die UN-Generalversammlung in New York dem Wunsch Serbiens zugestimmt hatte, die Rechtmäßigkeit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) der UN in Den Haag überprüfen zu lassen.

Die Freude über den „großen Sieg“, wie Serbiens Staatspräsident Boris Tadic den diplomatischen Erfolg Belgrads bei den UN nannte, war nach der Kosovo-Anerkennung durch die beiden Nachbarländer jedoch nur noch eine Nebensache. Belgrad erklärte die Botschafter Montenegros und Mazedoniens zu unerwünschten Personen und forderte sie auf, innerhalb von 48 Stunden das Land zu verlassen. Außenminister Vuk Jeremic bezeichnete die Entscheidung Montenegros als „Schlag, den Podgorica unserem Land versetzt hat“. Kosovo-Minister Goran Bogdanovic warf der kleinen Nachbarrepublik vor, „erstmals in der Geschichte Serbien verraten“ zu haben. Bereits einige Tage zuvor hatte Jeremic von einem „Messerstich in den Rücken“ gesprochen, sollte Montenegro das Kosovo anerkennen.

Doch sowohl der montenegrinische Außenminister Milan Rocen als auch sein mazedonischer Amtskollege Antonio Milososki betonten, die Entscheidungen ihrer Staaten seien nicht gegen Serbien gerichtet, sondern dienten der Beschleunigung der europäischen und euroatlantischen Integration ihrer Länder. Montenegro und Mazedonien streben eine Mitgliedschaft in EU und Nato an. Auf diesem Weg scheinen Podgorica und Skopje eine Verstimmung mit Belgrad in Kauf zu nehmen, wenn sie damit ihren wichtigsten Partnern in der EU sowie den USA entgegenkommen können. Am Mittwoch hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates bei seinem Besuch in Mazedonien die dortige Führung zu einer raschen Anerkennung des Kosovo aufgefordert. Bislang haben insgesamt 50 Staaten das Kosovo anerkannt, darunter die USA, Deutschland und 21 weitere EU-Staaten.

Der kosovarische Ministerpräsident Hashim Thaci bedankte sich bei Montenegro und Mazedonien ausdrücklich für die Anerkennung. Diese stärke „Frieden, Stabilität und regionale Zusammenarbeit und beschleunigt gleichzeitig die Integration unserer Staaten in die euroatlantischen Strukturen“. Die serbische Regierung hat, abgesehen von der Ausweisung der Botschafter, bislang nicht mit konkreten Maßnahmen reagiert. Im Vorfeld war immer wieder von einer möglichen Wirtschaftsblockade gegenüber den beiden Ländern die Rede gewesen. Doch Fachleute sind sich einig: „Den größten Schaden würde dabei die serbische Wirtschaft selbst davontragen“, sagte der Ökonom Vasilije Kostic dem Sender „Radio Slobodna Evropa“ mit Verweis auf die wichtigen Absatzmärkte, welche die Nachbarländer für serbische Produkte darstellten. Auch den Aufruf des populistischen Parlamentsabgeordneten Dragan Markovic an die Serben, künftig für ihren Badeurlaub nicht mehr an die montenegrinische Küste zu fahren, halten Experten für völlig wirkungslos und realitätsfremd.

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