Mexiko : Ermordet, weil sie nicht morden wollten

Der Tod von 72 illegalen Einwanderern löst in Lateinamerika große Erschütterung über die mexikanischen Drogenkartelle aus. Es tobt ein mörderischer Kampf zwischen rivalisierenden Kartellen sowie zwischen der Armee und den Banden.

von
Schlag gegen die Unterwelt. Neun mutmaßliche Drogenhändler, die dem Sinaloa-Kartell angehören, wurden Mitte Juli in Mexiko-Stadt von der Polizei festgenommen.
Schlag gegen die Unterwelt. Neun mutmaßliche Drogenhändler, die dem Sinaloa-Kartell angehören, wurden Mitte Juli in Mexiko-Stadt...Foto: AFP

Der grausige Fund eines Massengrabes mit 72 mutmaßlichen illegalen Einwanderern im Nordosten Mexikos hat eine Erschütterung in der ganzen Region ausgelöst. Das „feige“ Verbrechen betrübe „alle Regierungen und Völker Lateinamerikas“, sagte Mexikos Außenministerin Patricia Espinosa am Mittwoch (Ortszeit) in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Die 58 Männer und 14 Frauen wurden vermutlich Opfer eines in der Gegend aktiven Drogenkartells.

Espinosa sprach während eines Aufenthalts in Quito den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus. Ihr ecuadorianischer Kollege Ricardo Patino verurteilte die Tat. Der Außenminister von El Salvador, Hugo Martinez, sagte, er hoffe, dass die Täter gefasst würden. Auch das US-Außenamt verurteilte die „furchtbar tragischen“ Morde.

Bei den Toten handele es sich ersten Erkenntnissen zufolge um illegale Einwanderer aus Brasilien, Ecuador, Honduras und El Salvador, die in die USA wollten, sagte ein Sprecher des mexikanischen Nationalen Sicherheitsrats. Das brasilianische Außenministerium bestätigte, unter den Opfern seien mindestens vier Brasilianer. Die Botschaften der betroffenen Länder entsandten Mitarbeiter in den mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, um die Ermordeten zu identifizieren und in ihre Heimatstaaten zu überführen.

„Der Vorfall zeigt, welchen Gefahren und welcher Gewalt die Mittelamerikaner auf ihrem Weg in die USA ausgesetzt sind“, erklärte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International und forderte den mexikanischen Staat auf, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Alleine in diesem Jahr wurden 43.700 Ausländer auf ihrem Weg durch Mexiko in Richtung USA festgenommen; 40.000 kamen aus Mittelamerika. Schätzungen zufolge versuchen jährlich 200 000 Mittelamerikaner, in die Vereinigten Staaten zu gelangen.

Die Toten waren am Dienstag von der Armee auf einer Farm nahe der Stadt San Fernando in Tamaulipas entdeckt worden, nachdem sich die Soldaten Gefechte mit dort verschanzten mutmaßlichen Drogenhändlern geliefert hatten. Nach ersten Erkenntnissen waren die Einwanderer auf ihrem Weg in die USA von einer bewaffneten Bande abgefangen worden, die sie als Auftragskiller gegen Bezahlung von 2000 Dollar (rund 1600 Euro) pro Monat anwerben wollten. Als die illegalen Einwanderer dies abgelehnt hätten, seien sie ermordet worden, erklärte die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft unter Berufung auf den einzigen Überlebenden des Massakers, einen Mann aus Ecuador. Der Mann erklärte, er sei entkommen, weil er sich tot gestellt habe.

In den vergangenen Monaten waren mehrere Massengräber entdeckt worden, für die Morde machten die Behörden Drogenbanden verantwortlich. Im Bundesstaat Tamaulipas wie in anderen an die USA grenzenden mexikanischen Bundesstaaten tobt ein mörderischer Kampf zwischen rivalisierenden Drogenkartellen sowie zwischen der Armee und den Banden. Seit Ende 2006 wurden dabei rund 28.000 Menschen getötet.

Tamaulipas ist eine der Hochburgen der Kartelle. Vor zwei Monaten wurde dort der Anwärter auf den Gouverneursposten vermutlich von Auftragskillern eines Kartells erschossen. Die Drogenbande „Los Zetas“, die für die Ermordung der 72 illegalen Einwanderer verantwortlich sein soll, ist eine ehemalige militärische Elitetruppe, die sich 1999 in den Dienst der Kartelle stellte. Vor einigen Jahren machte sie sich selbstständig.

Nichtregierungsorganisationen haben schon vor einiger Zeit eine Verquickung von Drogen- und Menschenhandel publik gemacht sowie vor Erpressungen und Entführungen von Migranten auf mexikanischem Staatsgebiet durch bewaffnete Gruppen – insbesondere „Los Zetas“ – gewarnt. Die schutzlosen Migranten sind demnach eine leichte Beute für die Drogenmafia, um Geld zu erpressen. Frauen würden als Arbeitssklavinnen benutzt oder zur Prostitution gezwungen. Menschenrechtsgruppen, die Migranten beschützen, wurden von den „Zetas“ bedroht. Nach Angaben der Nationalen Menschenrechtskommission wurden in den vergangenen zwei Jahren fast 10.000 Entführungen von Migranten registriert. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. mit AFP

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben