Mexiko : Mafia zwingt Polizeichef zum Rücktritt

Major Roberto Orduna wirft das Handtuch, weil die Mafia ihn mit Morden dazu zwingt. Der Drogenkrieg fordert täglich fast 20 Opfer.

Sandra Weiss

Mexico-Stadt - Die Warnungen waren eindeutig: „Wenn Polizeichef Orduna nicht abtritt, wird jeden zweiten Tag ein korrupter Agent sterben.” Das war vergangenen Mittwoch in Ciudad Juarez im Norden von Mexiko. Am Freitag wurden ein Gemeindepolizist und ein Gefängniswärter erschossen. „Das waren die Ersten“, hieß es auf Zetteln, die neben den Leichen lagen. Einige Stunden später beugte sich Major Roberto Orduna den Drohungen der Drogenbosse und trat zurück. Er war der zweite Polizeichef in weniger als einem Jahr, der das Handtuch warf. Ciudad Juarez ist die gewalttätigste Stadt Mexikos: 1600 der 5600 Morde im vergangenen Jahr wurden dort verübt.

Die Grenzstadt zu den USA ist die Hochburg des Juarez-Kartells, das nicht daran denkt, sein lukratives Geschäft aufzugeben. So laut Präsident Felipe Calderon auch den Drogenkrieg verkünden mag. Anfang der Woche erst hatten die Drogenkartelle in Ciudad Juarez und anderen Städten zeitgleich „Bürgerproteste“ gegen die Präsenz des Militärs organisiert. Die „Demonstranten“ waren von den Narcos bezahlt worden. „Diese Ereignisse zeigen, wie schwach der Staat eigentlich ist“, sagt der Drogenexperte Jose Reveles. Seit Jahresbeginn starben Presseerhebungen zufolge in Mexiko bereits tausend Menschen eines gewaltsamen Todes, 19 pro Tag.

Die Sicherheitskräfte geraten schnell zwischen die Fronten. „Plata o plomo“ (Geld oder Blei) – so lautet die Alternative, vor die die Drogenmafia die Gesetzeshüter stellt. Die Korruption, die bis hoch in Justiz und Regierung reicht, ist ein altes Übel in Mexiko. Die Posten der Polizeichefs im Norden waren früher die beliebtesten, da man dort innerhalb kürzester Zeit viel Geld scheffeln konnte. Damals wurden derartige Geschäfte im Hinterzimmer abgewickelt. Die Politiker drückten die Augen zu, und in Mexiko blieb es relativ ruhig. Dieser Stillhaltepakt ist Makulatur, seit die Partei der Institutionellen Revolution (PRI) im Jahr 2000 nach 70 Jahren an der Macht die Präsidentschaftswahlen verlor und gleichzeitig die kolumbianischen Kartelle zahlreiche Routen an die Mexikaner verloren.

Seither ist die Lage unübersichtlicher geworden. Die Kartelle bekriegen sich untereinander, Einheiten von Elitesoldaten sind übergelaufen, Polizisten und Soldaten beschießen sich gegenseitig, wobei die eine Gruppe einen Drogentransport bewacht, den die anderen auffliegen lassen wollen. Zudem ist Mexiko längst nicht mehr nur Transitland, sondern konsumiert immer mehr Drogen und ist ein Geldwäschezentrum geworden. Immer lauter melden sich Kritiker zu Wort, die Calderons militärischen Ansatz für zu einseitig halten. Sandra Weiss

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