Politik : Mexiko: Wanderung durch ein Minenfeld

Alejandro Ruiz

Das Gesetz sollte endlich Frieden bringen für die mexikanische Problemprovinz Chiapas. Doch die von den Zapatisten initiierte und von Präsident Vicente Fox an den Kongress geleitete Vorlage war der Mehrheit des Parlaments zu radikal und wurde von den Abgeordneten in einer verwässerten Fassung verabschiedet. Jetzt sind beide Seiten unzufrieden: Den Rebellen und ihrem indianischen Kleinbauernanhang geht das Gesetz nicht weit genug, und die Viehzüchter und konservativen Kleinbauern fürchten um ihre Interessen. "Dieser Staat ist wie ein Pulverfass", lamentiert Juan Gonzalez Esponda, ein Staatsbeamter in Chiapas, der für die Versöhnung der verfeindeten Lager zuständig ist. Der Mann ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden: "Es ist wie der Gang durch ein Minenfeld."

Seinen ursprünglichen Zweck, Frieden nach Chiapas zu bringen, hat das Gesetz bereits verfehlt. Seit Wochen kommt es sporadisch erneut zu Zusammenstößen und Bluttaten zwischen den beiden Lagern. Die bislang letzten Gewaltopfer waren Gegner der Zapatisten. Sie wurden am 19. April bei der Rückkehr von ihren Feldern im Dorf Venustiano Carranza von maskierten Männern überfallen. Acht von ihnen wurden getötet. Alle Opfer gehörten dem Volk der Tzotzil-Indianer an und waren Anhänger der früheren Regierungspartei PRI. Die Angreifer gehörten offenbar einer Gruppe an, die nicht zu den Zapatisten gehört, aber wie diese die PRI bekämpft. Die Überlebenden rufen seitdem nach der Staatsmacht oder fordern Rache. "Wenn die Regierung auf diese Morde nicht reagiert, muss das Volk sich selbst verteidigen", ruft ihr Führer Domingo de la Torre offen zur Selbstjustiz auf: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."

Wie oftmals in Chiapas war auch diesmal ein Streit um Landrechte Anlass der Gewalt. Die Besitztitel sind oft ungenau definiert, viel Land befindet sich in Gemeindehand. Die schnell wachsenden indianischen Gemeinschaften weiten ihre Felder aus und konkurrieren so mit den landhungrigen Viehzüchtern. Das von Präsident Fox im Dezember eingebrachte Gesetz gab den oftmals landlosen Indios das Recht auf gemeinschaftliche Nutzung des Landes. Das löste wütende Proteste der Kleinbauern aus, die um ihr Stückchen Land fürchteten und sich damit als natürliche Verbündete der sehr viel wohlhabenderen Viehzüchter sehen.

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