Mexiko : Zwischen Frida und Florence

Die Verurteilung einer Französin in Mexiko wird zur diplomatischen Krise – Sarkozy macht Druck.

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Sechzig Jahre Gefängnis lautet das Urteil gegen Florence Cassez – hier nach ihrer Verhaftung im Dezember 2005. Die 36-jährige Französin kämpft seit sechs Jahren in Mexiko gegen den Vorwurf, sie sei an Entführungen beteiligt gewesen.
Sechzig Jahre Gefängnis lautet das Urteil gegen Florence Cassez – hier nach ihrer Verhaftung im Dezember 2005. Die 36-jährige...Foto: REUTERS

Ein Justizfall hat sich zur diplomatischen Krise zwischen Frankreich und Mexiko ausgeweitet. Mexiko boykottiert das laufende mexikanische Jahr in Frankreich. Grund ist die Inhaftierung einer Französin, die in Mexiko zu 60 Jahren Gefängnis wegen der Beteiligung an Entführungen verurteilt wurde. Mexiko weigerte sich, die 36-jährige Florence Cassez auszuliefern oder vor die höchste Berufungsinstanz zu stellen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kündigte deshalb an, das mexikanische Jahr der Französin zu widmen. Empört sagte Mexiko die Teilnahme an den Festivitäten in Frankreich ab. Geplant sind dabei rund 200 kulturelle oder wirtschaftliche Veranstaltungen, darunter große Ausstellungen, wie die im Pariser Musée de l’Orangerie über das Künstlerpaar Frida Kahlo und Diego Rivera. Mexikos Außenministerium erklärte, es gebe keine Grundlage mehr für eine Zusammenarbeit. Man bedaure „zutiefst, dass hier ein Fall des Strafrechts mit den Beziehungen zwischen zwei Nationen verbunden werden soll“.

„Ich bin bereit, mit den mexikanischen Behörden über die Bedingungen der Auslieferung zu sprechen“, sagte Sarkozy am Montag nach einem Treffen mit den Eltern der Französin in Paris. „Wir werden diese junge Frau nicht für weitere 60 Jahre im Gefängnis lassen.“ Mexiko, wo das organisierte Verbrechen weit verbreitet ist, hat hohe Strafen auf Entführung ausgesetzt und wiederholte, man habe nicht die Absicht, Cassez nach Frankreich zu schicken. „In ihrem Prozess wurde bewiesen, dass sie schuldig ist“, erklärte das mexikanische Außenministerium. Mexiko befürchtet, dass die Strafe in Frankreich abgemildert werden könnte, falls man Cassez ausliefere.

Die Spannungen zwischen Frankreich und Mexiko könnten die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern belasten und auch die französische G-20-Präsidentschaft der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer belasten. Frankreich und Mexiko wollen dabei eng zum Thema einer neuen internationalen Finanzordnung zusammenarbeiten, weil Frankreich im November die Präsidentschaft an Mexiko übergibt. Beim G-20-Treffen, das am Freitag in Paris beginnt, dürfte der Fall thematisiert werden, erklärte schon Finanzministerin Christine Lagarde.

Die Cassez-Affäre sorgt bereits seit sechs Jahren für Ärger zwischen Frankreich und Mexiko und belastete auch 2009 Sarkozys Staatsbesuch in Mexiko. Florence Cassez wurde 2005 verhaftet, weil sie mit ihrem damaligen mexikanischen Freund Israel Vallarta Entführungen organisiert haben soll. Doch Cassez beteuerte immer wieder ihre Unschuld, sie habe nichts von den Entführungen gewusst. Sie wurde erst zu 96 Jahren Gefängnis verurteilt, in der ersten Berufungsinstanz wurde die Strafe auf 60 Jahre gesenkt. In Frankreich wird Cassez von vielen als Opfer eines korrupten Justizsystems gesehen.

Die Französin war 2003 nach einem Urlaub nach Mexiko ausgewandert und lernte dort ihren damaligen Freund Vallarta kennen. Die Umstände ihrer Festnahme sind nicht ganz klar. Die mexikanische Behörden erklärten, Cassez wurde in Vallartas Haus festgenommen, aus dem die Polizei Entführungsopfer befreite. Doch die Französin sagt, sie sei in einem Auto festgenommen worden, als ihr Vallarta, mit dem sie damals schon nicht mehr zusammen war, beim Umzug half.

In dieser Woche spitzte sich die Affäre zu, weil Mexiko abgelehnt hat, den Fall vor der höheren Berufungsinstanz neu zu verhandeln. Frankreichs Außenministerin Michèle Alliot-Marie erklärte, sie sei schockiert. Cassez’ Eltern forderten bei dem Treffen mit Sarkozy am Montag daraufhin zunächst, das Mexiko-Jahr ganz zu streichen. Doch ihre Tochter appellierte per Telefon aus dem Gefängnis an den französischen Präsidenten, die Festlichkeiten nicht abzusagen. Sie habe Angst, dass sie in Vergessenheit gerate und auf eine der berüchtigten Gefangeneninseln in Mexiko verlegt werde.

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