Politik : Michael Blumenthal im Interview: Ein Mann der Überraschungen: Michael Blumenthals Weg

Robert von Rimscha

Ende der 70er Jahre schickte US-Präsident Carter seinen Finanzminister Blumenthal nach Peking. Moskau war gerade in Afghanistan einmarschiert, und da musste die Achse USA-China gestärkt werden. Staatschef Hua hielt in der "Großen Halle des Volkes" seine Begrüßungsrede; und Blumenthal antwortete. Auf chinesisch. Der Dolmetscher war so verblüfft, dass er das Gesagte einfach noch einmal auf Chinesisch wiederholte.

W. Michael Blumenthal hat des Öfteren Menschen überrascht. Das ergibt sich wohl aus einem Lebenslauf, wie ihn nur das 20. Jahrhundert schreiben kann. Seine Eltern hatten ein Textilgeschäft am Olivaer Platz in Berlin. Als er erstmals orthodoxe Juden sah, warnte ihn der Vater: "Die bringen uns den Judenhass!"

Dann landete der Vater, der so hohe Stücke auf die Deutschen gehalten hatte, 1938 im KZ. Er kam frei, weil die Familie sich zur Emigration nach Schanghai verpflichtete. Dort zerbrach die Ehe der Eltern 1942, und der 16-jährige Teenager war auf sich allein gestellt. Als Hilfsarbeiter im Hafen schlug er sich durch und lernte jenes Chinesisch, das seine Gesprächspartner noch Jahrzehnte später auch wegen seiner milieubestimmten Derbheit in Erstaunen versetzte.

1947 kam Blumenthal in die USA. Er studierte in Berkeley und Princeton, promovierte über die Mitbestimmung in der Stahlwirtschaft NachkriegsDeutschlands, wurde Manager, Professor, Regierungsberater, schließlich Minister und dann erneut Manager und Buch-Autor.

Im Winter 1979/80 führte Blumenmthal einmal mehr Verhandlungen in Peking. Seinen Assistenten, Richard Fisher, nahm er mit in das ehemalige jüdische Ghetto. "Als er mir die alte Synagoge zeigte, in der mittlerweile die KP ihr Büro hatte, habe ich das erste Mal wirklich verstanden, was Blumenthal alles durchgemacht hat", erinnerte sich Fisher später.

Am 28. September 1997 lud Blumenthal seine Freunde aus den vielen Lebensstationen zu einer Feier in sein Haus ein. Am Eingang wurde ein Foto von jedem Gast aufgenommen. Später bekamen die Anwesenden einen imitierten US-Pass mit ihrer Aufnahme überreicht. Auf einer Brücke im Garten, zwischen dem Zelt mit den Speisen und der Cocktail-Bar, stand ein Uniformierter. Wer ins Zelt wollte, bekam einen "leaving Shanghai"-Stempel in seinen Pass. Genau 50 Jahre zuvor hatte Blumenthal amerikanischen Boden betreten. Zweieinhalb Monate später schloss sich der Kreis: Er kam als Direktor des Jüdischen Museums nach Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben