Michail Gorbatschow : Revolutionär wider Willen

Michail Gorbatschow hat sein Land und Europa radikal verändert– heute hält er die Laudatio auf seinen Freund

Claudia von Salzen
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Moskau, 21. Juli 1986: Gorbatschow (rechts) empfängt Genscher. Foto: dpa

Das erste Mal trafen sich die beiden Männer an einem Sommertag in Moskau. Etwas mehr als ein Jahr war der Neue im Kreml zu diesem Zeitpunkt im Amt. Der Bauernsohn aus einem Dorf im Nordkaukasus hatte die klassische kommunistische Kaderlaufbahn hinter sich. Doch das, was Michail Gorbatschow sagte und tat, war alles andere als erwartbar. Von der Umgestaltung der Gesellschaft sprach dieser Mann, von einer neuen Offenheit. Wenig später kannte die ganze Welt die russischen Begriffe dafür: „Perestrojka“ und „Glasnost“. Die erste Begegnung des Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher und des neuen Generalsekretärs der KPdSU im Juli 1986 dauerte dreieinhalb Stunden. Zum Abschluss des Treffens sagte Gorbatschow: „Lassen Sie uns eine neue Seite aufschlagen.“ Der Rest ist Geschichte.

Gorbatschow hat in kürzester Zeit sein Land und ganz Europa radikal verändert. Als er 1985 an die Macht kam, begann er mit einem tiefgreifenden Umbau von Staat und Gesellschaft: Er beschnitt die Macht der Partei, führte marktwirtschaftliche Prinzipien ein und machte sich für Offenheit und Meinungsfreiheit stark. Außenpolitisch setzte er auf Entspannung und Abrüstung. Mit US-Präsident Ronald Reagan verständigte er sich 1987 auf die Beseitigung aller atomaren Mittelstreckenraketen in Europa.

Die „neue Sichtweise“ im Kreml beflügelte die Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa. Die samtene Revolution in Prag und der Fall der Berliner Mauer wären ohne einen Gorbatschow im Kreml zu diesem Zeitpunkt kaum denkbar gewesen. Der Generalsekretär war übrigens zunächst kein Befürworter einer deutschen Wiedervereinigung – er ließ sich jedoch vom Verlauf der Ereignisse überzeugen.

Im Zuge der von Gorbatschow eingeleiteten Reformen zerbrach die Sowjetunion, obwohl er sie erhalten wollte. Doch die Ereignisse überschlugen sich, gipfelten im Putschversuch vom August 1991. Wenig später war die Sowjetunion Geschichte. Gorbatschow wurde zum Reformer, der sein Land revolutionierte, ohne es zu wollen. Dieses Dilemma war ihm sehr wohl bewusst: „Revolutionen werden nicht gesteuert, Revolutionen steuern uns“, hat er einmal gesagt.

Und das neue Russland? Gorbatschow hat Wladimir Putin gegen Kritiker aus dem Westen verteidigt, die oft verwundert darüber sind, dass ausgerechnet er das System Putin billigt. Doch wenn Gorbatschow die mit Putin gewonnene Stabilität lobt, arbeitet er sich an seinem Nachfolger Boris Jelzin ab. Auf der anderen Seite ist er Miteigentümer der oppositionellen „Nowaja Gaseta“. Mit seinen Bemühungen zum Aufbau einer sozialdemokratischen Partei kam er dagegen nicht weit.

In dem Dilemma des Revolutionärs wider Willen liegt auch die Tragik des Michail Gorbatschow: Während er in Deutschland als „Gorbi" verehrt wird, machen ihn viele Russen für den Verlust der Sowjetunion verantwortlich. Zu seinem 75. Geburtstag vor drei Jahren gab es in seiner Heimat keinen offiziellen Festakt. Dafür wurde er in Bremen gefeiert. Die Laudatio hielt sein Freund Genscher.

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