Politik : Michail Gorbatschow: Wer zu spät kommt...

Elke Windisch

Aus unerfindlichen Gründen gaben Stars der heiteren wie der ernsten Musik schon fünf Tage vor Gorbatschows 70. Geburtstag für den Jubilar ein Galakonzert. An einem geschichtsträchtigen Ort - dem Konzertsaal "Rossija", der zu Sowjetzeiten Kreml-Kongresspalast hieß und Tagungsort der KPdSU-Parteitage war. Damals stand Michail Sergejewitsch in tragender Rolle auf der Bühne. Umtost von Beifall, aber auch von kaum druckreifem Schmäh. Am Montag Abend saß Gorbatschow mitten im Publikum. Fernsehkameras zeigten einen Mann mit nach innen gekehrtem Blick, der Höhen und Tiefen des Schicksals Revue passieren lässt.

Seit dem Tod seiner Gattin Raissa im Herbst 1999 gehört ihm das uneingeschränkte Mitgefühl der Nation. Respekt zollt ihm die Mehrheit der Russen auch, weil er sich zum Vorsitzenden des öffentlichen Beirates von NTW wählen ließ, um den kritischen TV-Sender vor der Schließung zu bewahren. Wählen würden ihn und seine sozialdemokratische Partei, in die er nach Raissas Tod alle Energie investiert, allerdings weniger als ein Prozent. Auch zehn Jahre nach dem Ende der Perestroika enden Diskussionen über Gorbatschows politisches Vermächtnis bei Familienfeiern meist mit handfestem Krach.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Satz, den Gorbatschow Erich Honecker 1989 bei den Feiern zum 40. und letzten Jahrestag der DDR ins Stammbuch schrieb, erfüllt sich zwei Jahre danach als Perversion an ihm selbst: Gorbatschow kam zu spät, weil das Leben ihn zu spät an die Schalthebel der Macht stellte. Das Politbüro der sowjetischen KP wählte den 1931 im Nordkaukasus geborenen Juristen 1985 nur deshalb zum Generalsekretär, weil orthodoxe Hardliner und Radikaldemokraten mit eigenen Kandidaten scheiterten. Bei Strafe des politischen Untergangs war Gorbatschow daher zum Interessenausgleich zwischen beiden Flügeln verdammt. Das allein schon setzte dem bilderstürmerischen Potenzial, das Deutschland dem Lieblingsrussen der Nation wegen dessen Beitrag zur Wiedervereinigung andichtete, klare Grenzen.

Doch immerhin: Gorbatschow war nicht nur der Wegbereiter für Meinungs- und Pressefreiheit, sie erlebte in seinen letzten Regierungsjahren auch ihren absoluten Höhepunkt. Seither wird sie wieder zurückgedreht. Dabei ist Gorbatschows Perestrojka inzwischen für 57 Prozent der Russen, wie jüngste Umfragen ergaben, ein unverzichtbares Gut.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben