Politik : Michel, Alster, Eitelkeit

Hamburgs SPD-Spitze fürchtet, Ex-Bürgermeister Voscherau könnte Ole von Beust herausfordern wollen

Armin Lehmann[Hamburg]

Mathias Petersen sieht ein bisschen aus wie Henning Voscherau, die Augenpartie, der Mund, der feine hanseatische Gesichtsausdruck. Petersen, 50, ist Landeschef der SPD in Hamburg. Und 2008, bei der nächsten Wahl, will er Ole von Beust schlagen. Noch kennen Petersen, Arzt, seit 1997 in der Bürgerschaft, nur wenige, aber die Insider sagen, Petersen sei schon ein kleiner Voscherau und werde wachsen. Gewinne er nicht 2008, dann eben 2012. Aber womöglich hat Petersen nur noch wenig Zeit zum Wachsen, denn der große Voscherau, Henning Voscherau, 65, der ehemals so populäre Bürgermeister, möchte den derzeit populären Bürgermeister der CDU anscheinend lieber selbst schlagen.

In der Hamburger SPD hat das zu heftigen Phantomschmerzen geführt, wie es einer ausdrückt. Um die zu verstehen, muss man wissen, dass einige Hamburger Sozialdemokraten Voscherau schon vor der letzten Wahl überreden wollten, anzutreten. Damals hatte der Jurist die Bittsteller abblitzen lassen und ein weiteres Mal enttäuscht. Schon 1997 habe er die Partei, wie es einige sehen, im Stich gelassen, weil er trotz gewonnener Wahl zurücktrat. Jetzt, zwei Jahre nach der letzten Wahl, hat Voscherau im SPD-Landesvorstand angeboten, als „Joker“ zur Verfügung zu stehen. Prompt gab es nach dieser Aussage Umfragen, in denen die Mehrheit der Hamburger ein Comeback Voscheraus befürworteten, der die Stadt von 1988 bis 1997 regiert hatte.

Mathias Petersen sitzt im Kurt-Schumacher-Haus, der Hamburger SPD-Zentrale, und redet lieber über den Gegner von Beust als über Voscherau. Das machen zurzeit alle wichtigen SPD-Politiker in Hamburg so, auch die, die in Berlin, sind. Während sich die SPD mit Personalfragen belastet, hat von Beust das Soziale als Thema entdeckt und spricht in Interviews gerne von notwendiger Sozialdemokratisierung der CDU. Petersen regt das auf, als Hanseat mit langer Hamburger Familientradition weiß er zwar, dass es nicht gut ankommt, den politischen Gegner scharf anzugreifen, trotzdem sagt er: „Michel, Alster, Ole wird nicht mehr funktionieren, Hamburg hat verstanden, dass von Beust die Spaltung der Stadt in Reiche und Arme nur zementiert.“

Aber Petersen kann sich noch so sehr mit Attacken auf von Beust ablenken, er hat ein Problem: Voscherau, so heißt es aus dessen Umfeld, meine es diesmal ernst. Voscherau selbst will sich nicht äußern. In der Partei hat Voscherau zwar das Vertrauen der Funktionäre verloren, aber die Basis würde Voscherau Petersen immer vorziehen. Und die Hamburger sowieso.

Die Jüngeren in der Hamburger SPD haben allerdings keine Lust mehr auf Voscherau, sie fürchten um die gerade erfolgreich begonnene Verjüngung der Partei. Mit Voscherau, sagen sie, funktioniere das nicht. Und deshalb hat der 35-jährige Fraktionschef Michael Neumann Voscherau sogar ein Ultimatum gestellt. Bis Mai müsse sich Voscherau entschieden haben. Am 6. Mai wird der neue Landesvorstand beschließen, wie das Verfahren zur Wahl des Spitzenkandidaten aussehen werde. Sehr wahrscheinlich ist eine Mitgliederbefragung. Bisher war der Plan, den Kandidaten erst 2007 zu küren. Durch Voscheraus Vorstoß und das Echo in den Hamburger Medien müsse man sich nun beeilen: „Es wird noch in diesem Jahr einen Kandidaten geben“, sagt einer, der es wissen muss. Petersen bleiben angesichts der wahrscheinlichen Kandidatur Voscheraus nur vage Sätze der Diplomatie. Er sagt zum Beispiel: „Voscherau hat angeboten, als Kandidat einzuspringen, wenn es notwendig werden sollte. Ich gehe davon aus, dass es nicht notwendig wird.“ Oder: „Ich werde ein Kandidat sein, vielleicht gibt es noch andere.“

Über Voscherau heißt es in Hamburg, seine Eitelkeit sei fast so groß wie sein Gestaltungswillen, der sehr groß sei. Es gibt viele Geschichten über ihn, die seine Haltung deutlich machen. Beim Hamburger SV wurde er vor einigen Jahren in den Aufsichtsrat gewählt, als der Fußballklub in einer Trainerkrise eine Entscheidung fällte, ohne Voscherau einzubinden, warf er hin. So dürfe man mit ihm nicht umgehen. In der gehobenen Gesellschaft glaubt man zwar, das Divenhafte Voscheraus sei verzeihlich, aber die SPD habe gegen Ole von Beust sowieso keine Chance. Wenn man einen Ole haben könne, sagt einer, brauche man doch keinen Henning.

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