Politik : Mielke hat noch einen Koffer in Berlin

Das legendäre rote Gepäckstück enthielt Akten über Honecker – nun wird es in der Stasi-Behörde ausgestellt

Matthias Schlegel

Er sieht hässlich, aber wie neu aus. Nur an der Unterseite hat der hellrote Kunststoff-Koffer ein paar Schleifspuren. Anderthalb Jahrzehnte lang hielt sich das Gerücht, das Gepäckstück enthalte brisante Akten über Verfehlungen Erich Honeckers während der NS-Zeit. Stasi-Chef Erich Mielke habe damit den SED- und Staatschef im Ernstfall erpressen können. Auf jener dramatischen Sitzung am 17. Oktober 1989, auf der Willi Stoph Honecker zum Rücktritt aufforderte, soll Mielke erregt gesagt haben: „Erich, wenn Du nicht zurücktrittst, dann sage ich hier Dinge, die ich eigentlich mit ins Grab nehmen wollte.“ Ob es um den ominösen Koffer ging, wurde nie geklärt.

Ende Februar 1990 holte DDR-Militärstaatsanwalt Karl-Heinz Bösel den Koffer aus einem Panzerschrank von Mielkes persönlichem Sekretär. Am 3. Oktober 1990 landete er beim Gemeinsamen Landeskriminalamt, noch im selben Monat wurde er an den Generalbundesanwalt, fünf Jahre später an das Bundesarchiv weitergegeben. Am kommenden Dienstag nun kehrt er in die Stasi-Unterlagenbehörde zurück. Der Koffer enthält mehr als tausend Blatt Originalakten vom Hochverratsverfahren des Volksgerichtshofes 1937 gegen Honecker und weitere Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes. Honecker wurde damals zu zehn Jahren Haft verurteilt. Enthalten sind auch ein Gnadengesuch von Honeckers Vater Wilhelm sowie eine wohlwollende Stellungnahme des Zuchthausvorstands Brandenburg. Hinzu kommt – offenbar von 1970 – eine Einschätzung der Prozessakten durch die Stasi auf 82 Seiten. Honecker wird darin nicht unbedingt Heldenmut bescheinigt, auch einige Widersprüche in den Aussagen der Angeklagten werden registriert – doch Erpressungspotenzial findet sich kaum. Allerdings sagen die Akten nichts über die ominöse Flucht und die spätere Rückkehr Honeckers in die Haft kurz vor Kriegsende. Dafür taucht ein pikanter Brief von 1950 auf: Honeckers erste Frau Edith Baumann bittet Parteichef Walter Ulbricht, er solle ihre Nebenbuhlerin Margot Feist, Honeckers spätere Frau, nach Sachsen-Anhalt versetzen.

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