Politik : Mieter von Prora fühlen sich verkauft

Streit um Zukunft des NS-Baus auf Rügen

Matthias Schlegel

Berlin - Der Streit über den Teilverkauf einer der größten Hinterlassenschaften des NS-Regimes, des 4,5 Kilometer langen Gebäudeensembles Seebad Prora durch den Bund, spitzt sich weiter zu. Am Montag richteten Vertreter der in dem betroffenen Block 3 eingemieteten Museen, Ausstellungen und anderen Einrichtungen schwere Vorwürfe gegen den Haushaltsausschuss des Bundestages, der am 23. Februar dem Verkauf an einen einzelnen Museumsbetreiber, den aus Nordrhein-Westfalen stammenden Verleger Kurt Meyer, zugestimmt hatte.

Es sei ein „Skandal“, dass das Konzept der Mietergemeinschaft, das Eigeninvestitionen von rund 13 Millionen Euro vorgesehen habe, ignoriert worden sei. Eine öffentliche Ausschreibung habe es nicht gegeben. Der Bund habe sich schnell einer unliebsamen Immobilie entledigen wollen, ohne die Konsequenzen für den historischen Charakter der Gesamtanlage zu bedenken, sagten Jürgen Rostock vom Dokumentationszentrum Prora und Joachim Wernicke vom Museum Prora. Der Verkaufspreis von 370 000 Euro für 26 Hektar Freifläche und 55 000 Quadratmeter Nutzfläche sei völlig unakzeptabel.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Lothar Mark, selbst Mitglied des Haushaltsausschusses, distanzierte sich von der Entscheidung. Im 60. Jahr des Kriegsendes habe sie eine „verheerende Außenwirkung“. Der Verkauf mache deutlich, „dass der Bund bis heute die Möglichkeiten verkennt, über die so genannte Museumsmeile an die Zeit des Nationalsozialismus und des DDR-Regimes zu erinnern“. Gleichwohl fordert Mark, der sich über sechs Jahre hinweg um ein Gesamtkonzept für Prora bemüht hatte, alle Beteiligten auf, Konfrontationen zu vermeiden. Auch Investor Meyer müse daran interessiert sein, die Vielfalt der Einrichtungen zu erhalten, um Publikum anzulocken.

Meyer, einer von sieben Gesellschaftern der „Inselbogen GmbH“, kündigte unterdessen an, ein großes Begegnungs- und Bildungszentrum für die Jugend der Ostseeanrainerstaaten und der EU-Länder errichten zu wollen. Er wolle die „Strukturen erhalten“ und auf die derzeitigen 47 Mieter „zugehen“. Der Kunstsammler Carl Vogel, der in Prora die deutschlandweit größte private Grafiksammlung präsentiert, kündigte am Donnerstag bereits seinen Auszug am Ende der Saison an: „Unter Meyer – das muss ich mir nicht antun“.

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