Migrationsbericht : Mehr Einbürgerungen, weniger Einwanderung

In Deutschland leben derzeit 6,7 Millionen Ausländer - rund acht Prozent der Gesamtbevölkerung. In den vergangenen Jahren ist diese Zahl um rund 600.000 zurückgegangen. Dies geht aus dem heute in Berlin vorgestellten Migrationsbericht hervor.

Berlin (23.06.2005, 14:35 Uhr) - Als Ursache für diesen Rückgang der Ausländerzahlen nannte die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), am Donnerstag in Berlin mehr Einbürgerungen und weniger Einwanderung.

Über eine Million Menschen hätten in den vergangenen fünf Jahren einen deutschen Pass bekommen, sagte Beck bei der Vorlage ihres Berichts über die Lage der Ausländer in Deutschland weiter. Davon seien 800.000 Einbürgerungen gewesen und 200.000 hier geborene Kinder von ausländischen Eltern, die nach dem neuen Zuwanderungsgesetz eingebürgert werden.

Zugleich steigt nach Angaben von Beck «die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund». Diese Migranten hätten einen deutschen oder ausländischen Pass, sie seien selbst eingewandert oder Kinder von Einwanderern. Jedes vierte Neugeborene habe heute ein ausländisches Elternteil. Jede fünfte Ehe sei binational. In den großen westdeutschen Städten kämen bis zu 40 Prozent der Jugendlichen aus Migrantenfamilien - mit steigender Tendenz, sagte Beck.

«Wir haben immer weniger Ausländer und immer mehr Migranten», fasste Beck die Ergebnisse ihres Berichts zusammen. Diese Entwicklung habe erhebliche Auswirkungen auf die Gesellschaft. «Kulturelle und religiöse Vielfalt werden das Leben in unserer Gesellschaft von Generation zu Generation stärker kennzeichnen. Wir sind gut beraten, diese Entwicklung nicht zu ignorieren.»

Das Bild des Ausländers und Migranten sei oft noch durch die Gastarbeiter geprägt, was der Realität nicht gerecht werde. Migranten fänden sich heute auf «jeder Stufe der sozialen Leiter». Es gebe den Lagerarbeiter ebenso wie den jungen ausländischen Akademiker, den Rentner der ersten Generation ebenso wie Jugendliche, die hier geboren und aufgewachsen seien.

«Die interkulturelle Öffnung ist Chance und Schwierigkeit zugleich», sagte Beck. Die weltweiten Schulleistungsstudien Pisa und IGLU hätten gezeigt, dass in keinem anderen Industrieland die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft so groß ist wie in Deutschland. Ausländische Kinder seien in höheren Bildungsgängen unterrepräsentiert - ebenso wie deutsche Kinder aus unteren sozialen Schichten.

«Die Förderung beginnt im Kindergarten», betonte Beck. Gerade zweisprachig aufwachsende Kinder bräuchten vorschulische Förderung. Lehrer müssten lernen, mit den Unterschieden in ihren Klassen umzugehen und die Vielfalt für individuelle Förderung zu nutzen. Es mag schwierig sein für Lehrer oder Erzieherin, sich auf Kinder einstellen zu müssen, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, aber es gebe keine Alternative.

40 Prozent der ausländischen Jugendlichen blieben ohne jegliche berufliche Qualifizierung. Und dies erkläre sich nicht nur allein aus schlechten Schulabschlüssen, argumentierte Beck. (tso)

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