Politik : Militär setzte im Kosovo radioaktives Material ein

Jan Dirk Herbermann

Panzerbrechende Munition enthielt abgereichertes Uran - Kritik von UN-MenschenrechtsbeauftragtenJan Dirk Herbermann

Auf dieses Eingeständnis musste die Uno lange warten: Der Generalsekretär der Nato, Lord Robertson, hat in einem Brief an Uno-Generalsekretär Kofi Annan den Einsatz von abgereichertem Uran (Depleted Uranium) während des Kosovo-Krieges zugegeben.

Experten hatten schon lange einen entsprechenden Verdacht gehegt. Der Stoff wird für panzerbrechende Munition verwendet und kann Radioaktivität entfalten. Unbestritten ist, dass abgereichertes Uran Krebs erregt. "Sofortige Informationen der Nato sind nötig, ob, wie und wo abgereichertes Uran in dem Konflikt verwendet wurde", hatte die Uno bereits in einem Bericht vom Oktober 1999 gefordert. Das war vier Monate nach Ende der Feindseligkeiten. "Abgereichertes Uran wurde im Kosovo bei rund 100 Missionen eingesetzt. Insgesamt kamen rund 31 000 Geschosse zum Einsatz", räumt Robertson in dem Schreiben ein, das gestern vom Uno-Umweltprogramm Unep auszugsweise publiziert wurde.

Rund 10 Tonnen abgereichertes Uran ließ die Nato auf das ehemalige Jugoslawien niedergehen, über die Brennpunkte macht Robertson relativ genaue Angaben. Allerdings sind die Nato-Informationen nicht "ausreichend, um eine genaue Einschätzung der Konsequenzen für die Umwelt und die Gesundheit der Einwohner des Kosovos zu ziehen", schreibt Unep. Die Informationen wurden einer Expertengruppe von verschiedenen internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Atomenergiebehörde weitergeleitet. Es bestehe kein Grund für einen "großflächigen Alarm" versichern die Fachleute in einer ersten Reaktion.

Unterdessen hat der UN-Menschenrechtsbeauftragte für Jugoslawien, Jiri Dienstbier, die Lage im Kosovo ein Jahr nach Beginn des Luftkriegs der Nato gegen Jugoslawien als "chaotisch" bezeichnet. Dies sei das Ergebnis einer falschen Politik der internationalen Gemeinschaft, sagte Dienstbier in Belgrad nach einem Besuch in der Region. Die Staatengemeinschaft habe Jugoslawien bombardiert, ohne zu wissen, was sie danach machen solle.

Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch haben serbische Offiziere während des Kosovo-Krieges Massenvergewaltigungen organisiert. In einem am Dienstag in Brüssel veröffentlichten Bericht zählt die Organisation allein 96 Fälle albanischer Frauen auf, die kurz vor oder während des Krieges im Kosovo von serbischen Militärs und Milizionären vergewaltigt wurden. Die tatsächliche Zahl der zwischen März und Juni 1999 missbrauchten Kosovo-Albanerinnen sei vermutlich noch weit höher. Dabei handle es sich nicht um vereinzelte Fälle. Vielmehr seien die Massenvergewaltigungen genutzt wurden, Geld von den Angehörigen der Frauen zu erpressen oder die Albaner aus ihren Häusern zu vertreiben.

In allen Fällen seien die Frauen von mehreren Männern missbraucht worden. Bei den Tätern habe es sich um Mitglieder der serbischen Sonderpolizei, Soldaten der jugoslawischen Armee sowie serbische Paramilitärs gehandelt. "Vergewaltigung wurde im Kosovo als Kriegsinstrument benutzt und sollte entsprechend geahndet werden", forderte der Frauenrechtsbeauftragte der Organisation, Regan Ralph.

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