Militär-Willkür : Ägyptischer Blogger kämpft um seine Freilassung
31.08.2011 16:56 UhrEr hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, als er im Herbst 2010 Ägyptens erster Kriegsdienstverweigerer war und damit auch durchkam. Er wertete das als Sieg für sich, glaubte, den großen Militärapparat mit seinem starken Willen bezwungen zu haben. Maikel Nabil gab Interviews, sogar eine israelische Zeitung sprach mit ihm. Das wiederum beschäftigte die ägyptischen Medien. Maikel, der das Existenzrecht Israels verteidigt, wurde als „zionistischer Agent“ beschimpft.
Maikel glaubt, dass seine Verurteilung eine Art Rache ist, das Militär habe damit eine offene Rechnung begleichen wollen. Auch Menschenrechtsgruppen und viele andere ägyptische Aktivisten machen das Militär für wahllose Verhaftungen, Demütigungen und Folter verantwortlich. Die Folter von Gefangenen scheint die Militärführung zwar mittlerweile weitgehend unterbunden zu haben, aber bisher wurde kein Fall öffentlich untersucht. Menschenrechtsgruppen sind außerdem alarmiert von den zahlreichen Militärtribunalen, 10 000 bis 20 000 Zivilisten seien in den vergangenen Monaten verurteilt worden. Meist finden die Schnellverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In Ägypten ist eine Paralleljustiz entstanden.
Maikel konnte seinen Bruder erst einen Tag nach seiner Festnahme verständigen und auch nur, weil ihm ein Soldat heimlich ein Handy lieh. Der Anwalt, den der Bruder verständigte, traf gerade mal ein, kurz bevor Maikel dem Militärrichter vorgeführt wurde. Als zwölf Tage später das Urteil gesprochen wurde, war der Anwalt gar nicht dabei, weil das Gericht ihn nicht informiert hatte.
Warum beschädigt die ägyptische Militärführung so offensichtlich ihren Ruf, nur um einen einzelnen Blogger hinter Gitter zu bringen? In einem Interview im ägyptischen Fernsehen gleich nach der Verurteilung sagte ein Sprecher, Maikels Forderung nach einem Ende der Wehrpflicht habe negative Auswirkungen auf die Jugend Ägyptens. Doch auf unsere Anfrage äußert sich die Armee nicht.
„Das ist ein politischer Fall“, sagt Ramy Raouf von der Ägyptischen Initiative für persönliche Rechte, die Maikels Anwalt stellt. Raouf ist selbst Blogger und mit Maikel befreundet. „Die herkömmlichen Medien hat das Militär gut unter Kontrolle“, sagt er. Weil Blogger jedoch schwieriger zu kontrollieren seien, sagt Raouf, habe man ihnen mit Maikels Verhaftung deutlich zu verstehen geben wollen, dass sie sich nicht in Sicherheit wähnen sollten. Es war ein Warnschuss.
Für einen jungen Mann, der es gewohnt ist, täglich mit der ganzen Welt zu kommunizieren, und das nun nicht mehr kann, wirkt er im Juli noch kein bisschen gebrochen. „Die Freiheit fordert ihren Preis, und ich bin bereit, ihn zu zahlen“, sagt er. Es sind Sätze, die er oft gesagt und geschrieben hat, aber sie klingen auch jetzt noch so emphatisch, als sagte er sie zum ersten Mal. Er lebt für seine Gedanken, gefangen ist nur sein Körper.
In den vergangenen Monaten haben Maikels Freunde Kampagnen gestartet für seine Freilassung. Sie haben Facebook-Gruppen gegründet und Flyer entworfen. Alles vergeblich.
Sahar El-Essawy sitzt in ihrer Wohnung in der Innenstadt von Kairo und macht sich große Sorgen um Maikel. Sie wohnt nur ein paar Schritte vom Tahrir-Platz entfernt, wo sie mit Maikel jeden Tag demonstriert hat. An den Wänden ihres Wohnzimmers hängen Fotos, die sie aus Zeitschriften ausgerissen hat, das alte Sofa ist von einem bunten Tuch bedeckt, es ist auf eine gemütliche Art unordentlich, wie bei allen jungen Leuten, die Besseres zu tun haben, als ihre Wohnung aufzuräumen. Sie sagt, sie könne an nichts anderes mehr denken als an Maikels Schicksal. „Für ihn, der ohnehin so dünn und nicht gesund ist, kann dieser Hungerstreik tödlich sein.“
Im Herbst 2010 war Maikel der erste Kriegsdienstverweigerer seines Landes. Jetzt will er der Erste in Ägypten sein, der mit einem Hungerstreik das Ende seiner Haft erzwingt. Der Kampf zwischen Maikel und dem Militär ist in eine neue Runde gegangen. Seinen Freunden bleibt jetzt nichts anderes, als zu hoffen, dass er diesen Kampf überleben wird.















