Politik : Militäraktion auf Jolo: "Präsident Estrada nicht glaubhaft"

Reimar Paul

Die Familie Wallert ist in Sorge über die militärische Eskalation auf der Insel Jolo. "Dort ist jetzt praktisch Krieg ausgebrochen, wir sind sehr schockiert", sagte Werner Wallert am Montag vor Journalisten. Er nehme dem philippinischen Präsidenten Joseph Estrada nicht ab, dass es sich bei dem Angriff der Armee um einen Versuch zur Befreiung der noch festgehaltenen Geiseln handele.

Bei der Pressekonferenz bestritt Marc Wallert, dass es im Geisellager zu einer emotionalen Annäherung zwischen Entführten und Entführern gekommen ist. "Wir wussten immer, wer der Feind war", sagte der 27-Jährige. Nur bei den gelegentlichen Attacken des philippinischen Militärs hätten die Geiseln "in den Rebellen unsere Beschützer gesehen". Nach ihrer Freilassung ist die Familie Wallert sowohl von deutschen wie auch von philippinischen Sicherheitsbehörden befragt worden. Die philippinische Armee habe sogar auf Herausgabe von Filmen und persönlichen Aufzeichnungen bestanden, sagte Werner Wallert. Dies habe er aber abgelehnt, ebenso wie die Beantwortung von Fragen nach Tunnelsystemen oder Bewaffnung der Abu Sayyaf.

Der Lehrer, der mehrfach die Rolle Libyens bei den Verhandlungen zur Freilassung der Geiseln hervorhob, will das afrikanische Land demnächst besuchen und dabei auch einer während des Zwischenstopps in Tripolis ausgesprochenen Einladung zum Tauchen Folge leisten. Und wenn seine Reise dazu beitrage, dass sich die Kontakte zwischen Libyen und Deutschland verbesserten, sei dies umso besser. Bereits am Dienstag will Werner Wallert auf der Expo den Sohn des libyschen Revolutionsführers Muammar el Ghadaffi treffen.

Einen Teil des Honorars, den sie für Interviews und einen Fernsehauftritt erhielt, hat die Familie der evangelischen Stephanus-Kirchengemeinde in Göttingen gespendet. Das Geld soll zur Renovierung der altersschwachen Orgel verwendet werden. Die Gemeinde, die seit Beginn des Entführungsdramas täglich zu Gebeten für die Verschleppten eingeladen hatte, feierte die Rückkehr der Familie Montagabend mit einem Dankgottesdienst.

"Es wird für uns nie wieder so werden wie vor der Geiselnahme", sagte Werner Wallert abschließend. Vorher habe eine "glückliche Familie ein glückliches Leben geführt". Glücklich sei die Familie zwar immer noch, aber "jetzt sind wir Personen öffentlichen Interesses. Wir müssen lernen, damit umzugehen." Dass das öffentliche Interesse an den Wallerts möglicherweise schon bald wieder erlischt, machte die Teilnehmerzahl der Pressekonferenz deutlich: Statt 120 Journalisten, die vergangene Woche noch den öffentlichen Empfang der Familie durch die Stadt Göttingen beobachtet hatten, kamen am Montag nur noch 30 Medienleute zur Wallertschen Pressekonferenz.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben