Politik : Militärische Vergeltung: Ohne Beispiel

Peter Siebenmorgen

1979, als der sowjetische Einmarsch in Afghanistan im Westen das Gefühl einer Kriegsgefahr à la 1914 ausgelöst hatte, kam das Pentagon in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Vereinigten Staaten im Ernstfall nicht nur mit Schlägen gegen militärische und politische Einrichtungen rechnen müssten. Auch die zivile Gesellschaft biete viele Angriffspunkte für einen möglichen Aggressor, beispielsweise die Energiewirtschaft. Aus Sicherheitsgründen sei daher dringend geboten, was ein Jahrzehnt später Ökologen aus ganz anderen Gründen vorschlugen, nämlich die Dezentralisierung der Energieversorgung. Seither ist die Verletzlichkeit der freien Welt stetig angewachsen. Und, was die Terroranschläge des 11. September 2001 bewiesen haben: Die offenen Flanken der zivilen Gesellschaften lassen sich ebenso gut mit terroristischen Mitteln angreifen, wie es die Militärexperten für den Fall eines Krieges der feindlichen Streitmacht zugetraut haben.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
Umfrage: Haben Sie Angst vor den Folgen des Attentats?
Fotostrecke I: Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon
Fotostrecke II: Reaktionen auf die Attentate
Fotostrecke III: Rettungsarbeiten in New York
Fotostrecke IV: Trauerkundgebung am Brandenburger Tor
Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Diese Erkenntnis, nicht Rache oder blinde Vergeltungswut, ist der Ausgangspunkt aller Überlegungen bei den Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten über die angemessene Reaktion auf die als kriegerische Handlung begriffenen Anschläge auf New York und das Pentagon. Hinzu kommt die Einsicht, dass vorsorgender Schutz gegen terroristische Angriffe umfassend nicht möglich ist. Das Geschehene ließe sich mit absoluter Sicherheit für die Zukunft nur ausschließen, wenn der Flugverkehr gänzlich eingestellt würde, zum Preis also des absoluten Verlustes eines Stücks Freiheit. Ganz andere Szenarien sind überdies vorstellbar - etwa die bakterielle Verseuchung von Trinkwasser. Hiergegen würde selbst die vollständige Umrüstung einer zivilen Gesellschaft zum Polizeistaat keine Garantien bieten. Und das gilt pars pro toto: Alle Versuche, sich defensiv gegen die neuen Sicherheitsbedrohungen zu wehren, würden zwangsläufig im Verlust von Freiheit münden.

Erst dieser Ernst der Lage lässt erkennen, was die Ankündigung bedeutet, mit allen verfügbaren Mitteln die Verantwortlichen des Terrorkriegs gegen Amerika und ihresgleichen in einem langen Feldzug auszuschalten. Amerika ist bis zum Äußersten entschlossen, seine Sicherheit und seine Freiheit zu verteidigen, in dem es die Wurzeln des Übels kappen will. Es geht mithin nicht nur um die Drahtzieher der Anschläge vom Dienstag, sondern auch um die Zerstörung der zu solcher Art Terror befähigten Strukturen weltweit. Allein bin Laden verfügt nach Geheimdiensterkenntnissen über einsatzfähige Kräfte in mindestens 34 Ländern. Auch wenn bisher zu wenig auf eine Beteiligung des Iraks oder anderer Staaten hindeutet: Sie können sich nicht sicher sein, dass die USA dieses Bedrohungspotenzial nicht in einem Zug gleich mitangehen.

Punktgenaue Luftschläge unmöglich

Doch die amerikanische Entschlossenheit zur Tat steht vor vielen Dilemmata. Eine im klassischen Sinne stringente Überführung der Drahtzieher ist kaum möglich: Die klassischen, gerichtsverwertbaren Indizien fehlen weithin wie auch belastende Zeugen. Wesentliche Erkenntnisse über die wahren Täter sind zudem von nachrichtdienstlicher Provenienz, können also nicht in Gänze offen gelegt werden. Gleichgültig, gegen wen sich der Gegenschlag Amerikas am Ende richtet: Wahrscheinlich wird er nie auf der Grundlage harter Evidenzen der Öffentlichkeit vollständig plausibel gemacht werden können. Je härter und länger die amerikanische Reaktion sein wird, umso heikler wird damit die Legitimationsfrage des angekündigten "Feldzugs", der naturgemäß nicht kurz und knapp sein kann. Grafik: Länder, in denen US-Truppen stationiert sind - Länder, denen die USA Unterstützung von Terroristen vorwerfen Jenseits dieses im Lauf der Zeit drängender werdenden Problems haben die Vereinigten Staaten auch größte Schwierigkeiten damit, zielführende militärische Optionen zu entwickeln. Mit punktgenauen Luftschlägen lässt sich ohne die Gunst des Zufalls weder bin Laden ausschalten, noch dessen Umfeld, geschweige denn die Unterstützungskräfte der Talibanmilizen oder gar die über die ganze Welt verstreuten Terrorkräfte des islamischen Fundamentalismus. Der Kosovo-Krieg hat die Treffgenauigkeit der modernen luftgestützten Präzisionswaffen endgültig entzaubert: Nach unveröffentlichten Auswertungen des Bundesverteidigungsministeriums haben deutlich weniger als zehn Prozent der von der Luftwaffe eingesetzten Lenkflugkörper ihr Ziel erreicht. Die amerikanische Erfolgsquote war aufgrund moderner Mittel zwar etwas besser, aber kaum befriedigend. In Sicherheitskreisen rechnet man damit, dass die bin Laden in Afghanistan schützenden Truppen ähnlich wie schon die serbischen Luftabwehrkräfte im Irak gut ausgebildet worden sind.

Aber auch die Entsendung von Bodentruppen nach Afghanistan ist keine wirkliche militärische Option, um anspruchsvollen politischen Zielen gerecht zu werden. Abgesehen von dem enormen Zeitaufwand bis zur Einsatzfähigkeit vor Ort fehlt es hierfür nahezu an allem: keine hinreichende Logistik vor Ort, keine geeigneten Erkenntnisse über Topographie denkbarer Einsatzorte, kein hinreichend freundliches und zugleich stabiles politisches Umfeld in der Region, wie es Saudi-Arabien beim Golf-Krieg war. Von Pakistan oder Indien ist kaum mehr zu erwarten als die Gewährung von Überflugsrechten für die Luftwaffe und Landungsrechten für die Marine. Im Übrigen sind die sowjetischen Erfahrungen im Afghanistan-Krieg alles andere als ermutigend.

Option eines Atombomben-Einsatzes

Allein nur um das enggefasste Ziel zu erreichen, bin Laden und dessen Umfeld zu bezwingen, gibt es zum massiven Einsatz von Bomberstaffeln, die eben nicht punktgenau, sondern flächendeckend zerstörend eingesetzt werden müssten, kaum eine Alternative. Dass dabei zwangsläufig weit mehr Opfer zu beklagen wären als es die eigentliche Aufgabenstellung erfordert, ist in jedem Krieg zwar eine fast unvermeidliche Realität. Dieser Umstand würde aber ein noch schärferes Licht auf eine amerikanische Militäraktion werfen, die sich ohnedies in der Grauzone des Völkerrechts bewegt. Denn der Gegner ist im Falle von bin Laden kein Staat und mithin kein Völkerrechtssubjekt, sondern eine Art terroristische Nicht-Regierungsorganisation, die allerdings auf dem Territorium eines zwangsläufig in Mitleidenschaft gezogenen Völkerrechtssubjekts agiert, das selbst nicht Kriegspartei ist, aber die ganze Härte eines massiven Luftkriegs zu spüren bekäme.

Selbst wenn man diese Probleme vernachlässigt, kann nicht als sicher gelten, dass diese Form von Luftkrieg zum Erfolg führen wird. So wenig der präzise Aufenthaltsort von bin Laden den Amerikanern bisher bekannt gewesen ist, so wenig auszuschließen ist auch, dass er und seine Unterstützer über Rückzugsmöglichkeiten in gehärtete Ausflüchte, die bereits im Golf-Krieg Saddam Hussein unverwundbar machten, verfügt. In diesem Fall bestünde nur noch die Möglichkeit, gezielt und selektiv mit Kernwaffen zu operieren.

Einstweilen ist dies nur eine theoretische Option, die aber in Washington sicherlich erwogen wird. Denn die strategischen Berater von Präident Bush hingen in den 80er Jahren nicht nur jener Denkschule an, die die Begrenzbarkeit und Führbarkeit eines Atomkriegs für möglich hielten. Sie verfügen im Falle von Vizepräsident Cheney und Außenminister Powell zudem über die Erfahrung des Golf-Kriegs gegen Saddam, in dem für bestimmte Fälle - etwa die Eröffnung eines Giftgas-Kriegs gegen die amerikanischen Streitkräfte - der Einsatz von Atomwaffen fest in Betracht gezogen wurde. Und möglicherweise könnte die nukleare Option die am Ende einzig militärisch zielführende sein.

Die Folgen einer solchen Eventualität liegen auf der Hand: Der weltweite Rückhalt für Amerika nach den Terroranschlägen des 11. September wäre dahin, auch in der Nato würde niemand außer vielleicht das Vereinigte Königreich diesen Weg mitgehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar