Politik : Militärische Ziele: Im Fadenkreuz: Die Zentren der Macht

Gabriele Venzky

Die amerikanisch-britischen Angriffe am Sonntagabend galten vor allem militärischen und psychologisch wichtigen Zielen. Angegriffen wurden offenbar sechs Ziele - die afghanische Hauptstadt Kabul, Kunduz, Khost und Jalalabad im Osten, sowie Kandahar im Süden. Sie alle haben eines gemein: in ihrer Nähe befinden sich Ausbildungslager der Terroristen und Flughäfen. Das sechste Ziel, Shindand im Westen südlich der Stadt Herat, ist ein bedeutendes Flugfeld.

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Kabul, Jalalabad und Kandahar aber sind zugleich auch psychologisch wichtige Ziele. Kabul als Hauptstadt, Jalalabad als die Stadt, die sich seinerzeit der Einnahme durch die Sowjets mehr als ein Jahr widersetzt hat, und die seitdem eine Art "Heldenstadt" ist, und Kandahar, als Sitz der Taliban-Führung, die nur wenige Ministerien in das fast vollständig zerstörte Kabul verlegt hatte. Kandahar ist auch die Geburtsstadt des in mystische Höhen entrückten Taliban-Führers Mullah Omar. In Kandahar pflegte ebenfalls Osama bin Laden zu residieren, ehe er verschwand, in seine Trainingslager bei Jalalabad, oder, wahrscheinlicher, in sein Höhlenlabyrinth südlich von Kandahar. Der amerikanische Geheimdienst glaubt nicht dass der Top-Terrorist Afghanistan verlassen hat - wohin sollte er auch gehen? Seit 1986 hält er sich in Afghanistan auf und kennt das Land wie seine Westentasche.

Auffallend ist, dass die zweitgrößte Stadt des Landes, nämlich Mazar-e-Sharif und die größte Stadt im Westen Afghanistans, Herat, offenbar nicht angegriffen worden sind. Das kann nur einen Grund haben: Unmittelbar vor Mazar-e-Sharif steht der Usbekengeneral Rashid Dostum mit seiner etwa 15 000 Mann starken Truppe und vor Herat steht Ismail Khan mit 7000 bis 8000 Mann. Dostum war einmal der mächtigste Kriegsherr der Mudschaheddin, ehe seine Hauptstadt durch Verrat in die Hände der Taliban fiel. Ismail Khan hatte sich als einziger seinerzeit aus dem Machtkampf um Kabul herausgehalten und derweil die Region Herat befriedet und wiederaufgebaut, ehe auch seine Stadt durch Verrat an die Taliban fiel. Heute gilt Ismail Khan als möglicher Chef einer Übergangsregierung in Kabul, allerdings ohne Rückhalt aus dem Ausland.

Die Nordallianz, der beide angehören, steht mit ihren Truppen nur noch 32 Kilometer vor Kabul. Das bedeutet, dass die Hauptstadt schon in Kürze von der Anti-Taliban-Opposition eingenommen werden könnte - und dazu die wichtigen Städte Mazar-e-Sharif und Herat. Dann kann nicht ausgeschlossen werden, dass die paschtunischen Stämme im Osten und sogar jenseits der Grenze zu Pakistan den Taliban zu Hilfe eilen.

Offensichtlich geht es der Anti-Terror-Allianz des Westens nun darum, sehr schnell klare Verhältnisse zu schaffen durch die Installation einer neutralen und alle Schichten Afghanistans umfassenden Regierung in Kabul. Die zerstörte und weitgehend verlassene Hauptstadt ist zwar nur noch eine ausgebrannte Hülle - aber ein Symbol. Es würde nicht verwundern, wenn dieses Symbol schon sehr bald in andere Hände fiele.

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