Politik : Militärs gegen Einsatz von Bodentruppen

ROBERT VON RIMSCHA[THOMAS GACK]

WASHINGTON, BRÜSSEL .Eines scheint nach einer knappen Woche Luftkrieg über Serbien klar.Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic wird in einer ersten Bilanz mit zynischem Stolz darauf hinweisen können, daß die NATO-Angriffe bislang das Los der flüchtenden Zivilisten im Kosovo nicht erleichtert haben.Im Gegenteil.Zeitgleich mit den Attacken der NATO verschärfte Belgrad das Vorgehen in der Krisenprovinz.Für den Westen stellt sich damit die gefürchtete Frage: Ist Milosevic nur mit Bodentruppen zu stoppen?

Bisher wehren sich alle Regierungen des Bündnisses und noch mehr die militärische Führung der NATO gegen diese Forderung.Doch Risse im Bündnis werden sichtbar.Amerikas Führung gibt sich in ihrer Ablehnung schon nicht mehr so eindeutig.Es fing, wie meist, mit Expertenäußerungen an.Und es fanden sich Schwergewichte der sicherheitspolitischen Beraterszene.Zbigniew Brzezinski und George Joulwan waren einmal Jimmy Carters oberster Sicherheitsberater und der ranghöchste NATO-General in Europa.Beide halten den Einsatz von Bodentruppen für unausweichlich.

"Es gibt gegenwärtig keine Pläne", sagt Hugh Shelton, Amerikas amtierender Generalstabschef."Und es gibt auch keine Planung für eine mögliche Kontingentierung." Nur gegenwärtig? "Wir haben keine Absicht, Bodentruppen zu entsenden", sagen auch Bill Clinton und Außenministerin Madeleine Albright.Albright ist mittlerweile so vorsichtig geworden, daß sie ihre Äußerungen komplett in Zitate der vom Präsidenten vorgegebenen Linie kleidet.Clinton selbst zögert, die Entsendung von Bodentruppen kategorisch auszuschließen, weil er weiß, daß er sich damit einer Option berauben würde.Ein offenes Drohen mit Bodentruppen kann er sich dagegen innenpolitisch nicht leisten.In der aktuellsten Umfrage haben sich nur 17 Prozent der Amerikaner bereit erklärt, einen Krieg für Kosovo gutzuheißen, 74 Prozent lehnen ihn strikt ab.

Ebenso widerborstig wie die Öffentlichkeit ist der Kongreß.Dort beklagen sich einflußreiche Volksvertreter ohnedies, Clinton habe sie zu spät über seine Jugoslawien-Pläne informiert und praktisch wieder einmal vor vollendete Tatsachen gestellt.Clintons engster Verbündeter im außenpolitischen Ausschuß des Senats, Joseph Lieberman, hat Clinton offen ermahnt, keinen Eklat zu riskieren.Im Parlament gebe es keine Unterstützung für Bodentruppen, so Lieberman.



Auch führende NATO-Militärexperten warnten am Montag nachdrücklich vor dem Einsatz von Bodentruppen im Kosovo.Im Brüsseler Hauptquartier der Atlantischen Allianz registriert man die immer lauter werdenden Forderungen nach einem direkten Eingreifen in die Kampfhandlungen am Boden mit Sorge und Unbehagen.Nach Ansicht der militärischen Führung der NATO ist das Bündnis derzeit mit den in der Region vorhandenen Truppen nicht in der Lage, im unwegsamen Gelände des Kosovo erfolgreich zu kämpfen.

Die rund 12 000 Mann NATO-Truppen, darunter fast 3000 Bundeswehrsoldaten, die in Mazedonien stationiert sind, seien zwar bereit, nach der Unterzeichung eines Kosovo-Abkommens die Umsetzung des Friedensvertrags durchzusetzen.Für einen Krieg in der serbischen Provinz seien sie aber nicht ausreichend gerüstet."Die derzeit verfügbaren Kräfte reichen bei weitem nicht aus, um mit militärischer Gewalt die serbischen Kräfte zu stoppen und dem Terror im Kosovo ein Ende zu bereiten", meint ein hoher NATO-Offizier am Montag in Brüssel.Zwar hätten NATO-Stäbe schon vor einem halben Jahr verschiedene Szenarien für einen Bodeneinsatz durchgespielt und erste Planungen in Angriff genommen.Sehr schnell sei aber klar geworden, daß man bis zu 100 000 Mann brauche, um in einer großen Rettungsaktion in den Kosovo vorzustoßen.Nach Ansicht des US-Generalstabschefs Hugh Shelton wären "theoretisch Hunderttausende" NATO-Infanteristen nötig.

"Um die notwendigen Truppen in die Region zu bringen, brauchen wir mehrere Wochen", erklärt ein NATO-Offizier am Montag.Wochen, in denen die serbischen Einheiten ihren Terror gegen die kosovo-albanische Bevölkerung, Massaker und Vertreibungen fortsetzen könnten."Die Gefahr wäre groß, daß dann alle Zivilisten tot oder vertrieben wären, und unsere Einheiten am Ende nur noch die Leichen zählen könnten."

NATO-Militärexperten machen darauf aufmerksam, daß man sechs Wochen gebraucht habe, um die 60 000 Mann Friedenstruppen nach Bosnien zu transportieren, die dort jetzt die Ruhe garantieren.

Das militärische Risiko beim Einsatz von Bodentruppen schätzen NATO-Offiziere überdies als äußerst hoch ein.Das Gelände im Kosovo sei unübersichtlich und weglos.Die wenigen vorhandenen Straßen seien leicht zu sperren, Panzer leicht zu bekämpfen.Die serbische Armee könnte zwar im offenen Gefecht den modern ausgerüsteten NATO-Truppen nur schwer widerstehen.Im Partisanenkampf, für den sie sich seit dem Zweiten Weltkrieg intensiv vorbereitet haben, könnten die Serben den landesfremden NATO-Streitkräften jedoch schwere Verluste zufügen.

Die NATO sei inzwischen zu Tagesangriffen rund um die Uhr übergegangen, berichteten NATO-Sprecher am Montagnachmittag.Ziel sei es, die serbischen Streitkräfte im Kosovo zu zerschlagen und entscheidend zu schwächen.NATO-Offiziere räumen unterdessen ein, daß das Risiko für die angreifenden NATO-Jets bei den jetzt notwendigen Tiefflugeinsätzen deutlich höher sei als in den vergangenen Tagen.

Im mazedonischen Grenzgebiet zum Kososo hat die NATO derzeit erst 12 000 der zugesagten 28 000 Mann Friedenstruppen stationiert.Gemeinsam mit den 3000 Bundeswehrsoldaten, bilden derzeit 4000 Briten und 2500 Franzosen den Kern der NATO-Verfügungstruppen an der Grenze zum Kosovo.In den vergangenen Tagen wurden diese Truppen durch zusätzliche Aufklärungskräfte verstärkt, neues Material wurde eingeflogen.In wenigen Tagen soll zusätzlich ein Expeditionscorps von 2200 US-Marines in der Krisenzone eintreffen.

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