Politik : Militärstrategie und Propaganda: Im Dunkeln

Otfried Nassauer

Die ersten Fernsehbilder waren nichtssagend, die Korrespondenten vor Ort von ihren Redaktionen und deren Fragen völlig überfordert. Sie konnten beim besten Willen keine informativen Antworten geben. Zu weit waren sie vom Geschehen entfernt. Die militärischen Angriffe auf die Taliban und Osama bin Ladens Al Qaida in Afghanistan sind kein gewöhnlicher Krieg - auch nicht im Blick auf die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Geheimhaltung wird groß geschrieben. Wenige, dürre Fakten werden bekannt gegeben. Das Gesamtbild, die Strategie und die nächsten Schritte sollen im Dunkeln bleiben. Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
7.10., 18.45 Uhr: Wie der Gegenschlag begann
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Mit 40 Flugzeugen und etwa 50 Marschflugkörpern wurden nach westlichen Angaben in der Nacht zum Montag etwa 30 als ausschließlich militärisch bezeichnete Ziele in Afghanistan angegriffen. Beteiligt waren amerikanische strategische Bomber vom Typ B-2 und B-52, trägergestützte taktische Kampfflugzeuge der Typen F-14 und F-18, sowie Schiffe und U-Boote. Großbritannien beteiligte sich als einziges Land direkt an den Angriffen. Tomahawk-Marschflugkörpern können auch von britischen U-Booten abgeschossen werden.

Lufthoheit herstellen

Ebenso mager die Informationen über die angegriffenen Ziele. Die Flugplätze bei Kabul, Kandahar, Dschalalabat, Masar i Sharif und Kundus, ein Öllager bei Herat, Luftabwehr- und Radarstellungen, der Rundfunksender und der Präsidentenpalast in Kabul, einige Ausbildungslager der Al Qaida und einige Militärstützpunkte der Taliban werden erwähnt. Drei Ziele bei Kabul, vier in der Nähe von anderen Städten, sowie 23 weitere seien bombardiert worden, berichtete Geoff Hoon, der britische Verteidigungsminister. Grafik: Militärschläge in Afghanistan Das Ziel dieser ersten Angriffe wird erkennbar. Die USA wollen Lufthoheit herstellen. Dazu muss die schwache Luftwaffe der Taliban - sie verfügt nur über einige altersschwache Mig- und Suchoi-Flugzeuge - am Boden zerstört oder gehalten werden. Die Flugplätze müssen unbrauchbar gemacht, die Luftabwehr ausgeschaltet werden. Auf allen Flugplätzen, so afghanische Quellen, brennt es. Lufthoheit ist eine wichtige Voraussetzung für künftige Angriffs- und Aufklärungsoperationen der US-Luftwaffe. Diese werden für die kommenden Nächte erwartet.

Dann werden vermehrt auch andere Ziele ins Visier genommen: Wichtige Nachschub- und Versorgungswege zwischen Kabul und den größeren Städten in den afghanischen Provinzen, politische und militärische Kommandozentralen, militärisch wichtige Stützpunkte zwischen Kabul und den Frontlinien zur oppositionellen Nordallianz, die Großwaffensysteme der Taliban, Nachschub-Munitions- und Betriebsstofflager sowie weitere Ausbildungslager der Al Qaida. Den Taliban soll die Möglichkeit genommen werden, größere militärische Operationen durchzuführen. Zugleich soll der bewaffneten Opposition das Kämpfen erleichtert werden. Viele dieser künftigen Ziele zu treffen, wird schwieriger, erfordert es, größere Risiken für die eigenen Flugzeuge einzugehen. Deshalb ist die Lufthoheit so wichtig.

Das Erringen der Kontrolle über den afghanischen Luftraum hat aber auch einen anderen Zweck. Es erleichtert die Aufklärung aus der Luft - mit Flugzeugen und unbemannten Drohnen. Zusammen mit den am Boden operierenden Spezialkräften aus den USA und Großbritannien sollen sie Daten für Angriffe auf weitere Ziele liefern, helfen, das militärische Kräfteverhältnis zugunsten der Nordallianz und anderer oppositioneller Kräfte zu verschieben. Und sie sollen dazu beitragen, bin Laden und Strukturen der Al Qaida aufzuspüren, um gegen diese vorzugehen.

Eine Entscheidung, ob und wann neben Spezialkräften auch andere Bodentruppen zum Einsatz kommen, ist bisher nicht gefallen. Ein solcher Einsatz wird aber nicht ausgeschlossen. Die wahrscheinlichste Variante geht von der Überlegung aus, dass für eine spätere Phase auch Kampf- und Transporthubschrauber benötigt werden. Deshalb sei es sinnvoll, ein oder zwei in Afghanistan gelegene Flugplätze für eine begrenzte Dauer zu erobern und als einsatznahe Basen zu nutzen. Dazu passt die Nachricht, dass bei manchen Flugplätzen, die Landebahnen bislang nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die Antwort der Taliban

Washington stellt seine militärischen Schläge als begrenzte Angriffe auf die Taliban und die Strukturen der Al Qaida dar, die weder gegen Afghanistan noch gegen den Islam gerichtet seien. Demonstrativ warfen zwei in Ramstein gestartete Transportmaschinen vom Typ C-17 noch während der ersten Angriffsnacht 37 000 Lebensmittelrationen über dem hungernden Afghanistan ab. Ob diese Strategie aufgeht, wird sich zeigen. Bin Laden und die Taliban haben offensichtlich die Absicht, mit einer Doppelstrategie zu antworten. Die Taliban haben angekündigt, Usbekistan anzugreifen und werden versuchen, wichtige Stellungen zu halten. Osama bin Laden dagegen hat ähnlich wie George W. Bush einen langen "Heiligen Krieg" des Islam gegen die USA ausgerufen. Bin Laden hofft, dass die Proteste in der islamischen Welt umso größer werden, je länger die US-Schläge gegen Afghanistan andauern und je mehr zivile Opfer zu beklagen sind.

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