Politik : Milliarden-Schmiergelder für Russlands Staatsdiener?

Elke Windisch

Moskau - Als Georgi Satarow die Ergebnisse seiner jüngsten Studie zusammenfasste, kam er mit einem einzigen Wort aus: verheerend. Satarow, einst Berater des russischen Präsidenten Boris Jelzin, ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Indem, das im Juni gemeinsam mit dem Institut Romir Monitoring russische Unternehmer und Normalbürger zum Thema Korruption befragt hatte. Ergebnis: Moskaus Staatsdiener sammeln an Schmiergeldern das Zweieinhalbfache dessen ein, was der russische Staat in diesem Jahr an Einnahmen im Haushalt verbucht, und das sind immerhin fast 84 Milliarden US-Dollar.

87 Prozent der Schmiergelder stecken laut Umfrage Beamte aus dem Staatsapparat ein, 7,5 Prozent die Abgeordneten, den Rest die Richter. Befragte Unternehmer gaben zu, einzelnen Staatsdienern im letzten Jahr bis zu 135000 Dollar zugesteckt zu haben. Das reicht sogar auf dem teuren Moskauer Pflaster für eine Eigentumswohnung von stolzen 209 Quadratmetern und ist dreizehnmal mehr als das, was laut einer ersten Umfrage der Institute zu Korruption vor vier Jahren üblich war. 2001, so Satarow, hätten bestochene Beamte sich mit ihrer Kriegsbeute gerademal 30 qm Wohnraum leisten können.

Doch nicht nur die Unternehmen schmieren, auch Iwan Normalverbraucher wendet rund drei Milliarden US-Dollar auf, um seine Alltagsprobleme auf „menschliche Art und Weise“ zu lösen, wie das Schmieren in Russland heißt.

Bei den Empfängern stehen die Hochschulen an erster Stelle. Eltern müssen dort laut Studie für Aufnahmeprüfungen, Zwischen-Examina, Diplom- und Doktorarbeiten bezahlen. Auch Ärzte sacken kräftig ein – kostenfrei ist die medizinische Grundversorgung in Russland nur auf dem Papier. Weil die Schmiergelder in den vergangenen Jahren immer höher stiegen, schätzt Satarow, dass inzwischen 20 bis 30 Millionen Bürger auf medizinische Betreuung verzichten.

Auf Platz drei der Korruptionsliste steht das Militär, das für Freistellungen vom Wehrdienst Pauschalen von rund 4000 Dollar kassieren soll.

Verbessert hat sich die Lage laut Satarows Bericht nur bei der Verkehrspolizei. Während vor vier Jahren noch jeder zweite Russe bereit war, den Polizisten Schmiergelder zu zahlen, seien es jetzt nur noch 30 Prozent.

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