Politik : Millionen Kolumbianer: Keine Gewalt mehr

Berlin - Millionen Kolumbianer haben in den vergangenen Wochen für eine Freilassung aller Geiseln der linken Farc-Rebellen demonstriert. „Kolumbien bin ich“, „Keine Entführungen, keine Lügen, keine Toten und keine Farc mehr“, hieß es auf Transparenten. Die Proteste zeigten vor allem eines, sagt Sabine Kurtenbach vom Giga Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg: „Die Kolumbianer sind der Gewalt überdrüssig.“

Damit aber hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Darum hätten die Demonstrationen eine Reihe unbeabsichtigter Nebenwirkungen gehabt. Der größte „Kollateralschaden“ sei die demokratische Opposition. Die habe sich angesichts der zahlreichen Gewaltakteure im seit Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieg in Kolumbien zerstritten über die Frage, ob sie an den ausschließlich gegen die Farc gerichteten Protesten teilnehmen solle (was sie dann nicht getan hat) – „oder ob man eine eigene Demo gegen Gewalt organisieren oder an der Demo gegen die wieder erstarkten rechten paramilitärischen Verbände teilnehmen soll“.

Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, glaubt, dass für die kolumbianische Bevölkerung mit der Einmischung von Hugo Chavez in die Geiselkrise offenbar geworden ist, „dass es eine Allianz gibt zwischen der venezolanischen Regierung und den verhassten Rebellen im eigenen Land.“ Damit falle der Präsident des Nachbarlandes als Partner des rechtskonservativen Präsidenten Alvaro Uribe aus. Der aber bleibe seinerseits ein Gefangener seiner eigenen Vorgaben: So lange Uribe nicht bereit sei, über ein humanitäres Abkommen zwecks Geiselaustausch mit der Farc auch nur zu sprechen, werde er Chavez das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen können, sagt Maihold.

Außenpolitisch vergrößerten die Massendemonstrationen seinen Handlungsspielraum also nicht, zumal sich weder in Brasilien noch in der EU jemand fände, der bereit wäre, an der Stelle von Chavez eine aktivere Rolle zu spielen. Innenpolitisch aber nutzt Uribe sie, um seine Forderung nach einer weiteren, dritten Amtszeit zu befördern. mis

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