Millionengeschäft : BP zwischen Ölpest und Libyen-Deal

BP startet im Mittelmeer vor der libyschen Küste die nächste riskante Tiefbohrung. Der US-Senat will klären, ob der Ölkonzern auf die Freilassung des Lockerbie-Attentäters Einfluss nahm, um dieses lukrative Geschäft nicht zu gefährden.

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Das Logo von BP vor dem deutschen BP Zentrale in Bochum.
Das Logo von BP vor dem deutschen BP Zentrale in Bochum.Foto: dpa

Einwände wischt Libyens oberster Ölverkäufer Shokri M. Ghanem mit wenigen Sätzen vom Tisch. "In der Ölindustrie hat es immer Unfälle gegeben und wird es immer Unfälle geben - daran führt kein Weg vorbei". Libyen werde dem BP-Konzern im Golf von Sirte die erste Tiefbohrung erlauben, kündigte der Chef der National Oil Corporation (NOC) und frühere Premierminister in Tripoli im Gespräch mit Auslandskorrespondenten aus Kairo an. Wenn ein Flugzeug abstürze, schaffe man ja auch nicht weltweit den Luftverkehr ab. "Das Leben geht weiter, wir werden eine Menge Lektionen lernen", fügte er hinzu und nannte die Aufregung über die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko "irgendwie übertrieben". "Der Unfall wird uns nicht stoppen, in diese neuen Grenzbereiche vorzustoßen."

Kaum hat der britische Ölkonzern das seit drei Monaten sprudelnde Ölloch im Golf von Mexiko endlich mit einer provisorischen Kappe einigermaßen abgedichtet, startet er vor Europas Haustür ein neues Projekt von ähnlichem Umweltrisiko. "Die Arbeiten beginnen Anfang August", bestätigte Ahmed al-Tardi, Direktor für internationale Zusammenarbeit bei der libyschen NOC, gegenüber unserer Zeitung. 1734 Meter unter der Wasseroberfläche - und damit gut 200 Meter tiefer als vor der US-Küste - sollen die ersten Bohrmeißel in das Schelf getrieben werden, um an die Ölvorräte in dem Sirte-Becken heranzukommen. Bis zum Jahresende sollen vier weitere folgen - teilweise mehr als 2000 Meter tief. Wenn alles nach Plan läuft, heißt es in der BP-Zentrale in London, fließt 2018 das erste Öl. Die geologischen Lager sind so groß wie Belgien, dehnen sich auf eine Fläche von 30.000 Quadratkilometern und reichen bis 300 Kilometer hinaus aufs offene Meer.

Trotz der enormen Umwelt- und Prestigeschäden durch die US-Katastrophe halten beide Seiten eisern an dem 2007 zwischen BP-Vorstandchef Tony Hayward und Shokri M. Ghanem unterzeichneten 900-Millionen-Dollar Pakt fest, seinerzeit von dem britischen Konzern als seinen "bisher größten Fördervertrag" gefeiert. Bis zu zwanzig Milliarden Dollar wolle man in das Großprojekt investieren, erklärte BP damals, um nach gut dreißig Jahren Embargo-Zwangspause endlich wieder in dem profitablen libyschen Markt Fuß zu fassen. Denn die nachgewiesenen Rohölvorräte Libyens sind mit 43,4 Milliarden Barrel die mit Abstand größten in Afrika. Gaddafis Wüstenstaat wiederum will sich als international zuverlässiger Partner präsentieren, der nicht plötzlich und einseitig Verträge kippt, bloß weil es anderswo auf der Welt Probleme gibt. Auch Libyens Staatsziel, seinen Ölexport von jetzt 1,5 Millionen Barrel pro Tag bis zum Ende des Jahrzehnts auf 2,8 bis 3,0 Millionen Barrel zu verdoppeln, wäre dann geplatzt.

Beträchtliches ökologisches Risiko

Tiefwasser-Förderinseln im Mittelmeer jedoch bergen vor allem für Libyen ein beträchtliches ökologisches Risiko, wie die Verantwortlichen spätestens seit dem Untergang der "Deepwater Horizon" wissen. Käme es zu einer ähnlichen Ölpest, könnte Gaddafis "Große Sozialistische libysch-arabische Völker Dschamahrija" ihre kühnen Tourismuspläne entlang ihrer makellosen 2000-Kilometer-Küste auf Jahre und Jahrzehnte begraben. Schwer betroffen wären möglicherweise auch die benachbarten Tunesien und Ägypten, sowie das gegenüberliegende Italien, die beide gut am Urlaubsgeschäft verdienen.

"Wir müssen die Möglichkeit ins Auge fassen, dass ein solches Unglück auch uns trifft", sagte kürzlich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor dem Europa-Parlament. "Die Fördertechniken ähneln sich, auch wenn die Nordsee flacher ist als der Golf von Mexiko." An Europas Küsten gibt es inzwischen 115 Tiefseeanlagen, die meisten in der Nordsee und im Nordatlantik. 24 weitere sind geplant. Letzte Woche forderte der zuständige EU-Energiekommissar Günther Oettinger dann einen vorläufigen Bohrstopp in der Nordsee, dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer, solange die Unglücksursachen nicht geklärt seien. Speziell an BP und den "EU-Partner Libyen" appellierte er, die Arbeiten erst einmal aufzuschieben, räumte jedoch ein, Brüssel habe dazu wenig in der Hand. "Es gibt keine internationale Konvention für Ölplattformen und Sicherheitsregeln", sagte er. Auch sprang die britische Regierung für ihren vom Bankrott bedrohten Ölgiganten sogleich in die Bresche und erklärte, sie halte Oettingers Initiative für überflüssig.

Doch nicht nur wegen der ökologischen Risiken, auch wegen der politischen Begleitumstände des fetten Libyen-Geschäfts brauen sich über dem angeschlagenen Konzern neue dunkle Wolken zusammen. Einflussreiche US-Senatoren werfen BP vor, bei der umstrittenen Freilassung des Lockerbie-Attentäters Abdelbasset al-Megrahi aus schottischer Haft die Finger im Spiel gehabt zu haben. Der Konzern habe seit 2007 auf die britische Führung Druck ausgeübt, so dass der angeblich todkranke Häftling schließlich im August 2009 in seine Heimat zurückkehren konnte. BP dürfe nicht "mit einem Deal Profit machen auf Kosten von Terrorismusopfern", schimpfte New Yorks Senator Chuck Schumer. Der Ölmulti bestreitet die Vorwürfe, gab aber zu, die britische Regierung auf "mögliche negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsinteressen" des Landes hingewiesen zu haben, sollte die Freilassung Al-Megrahis zu langsam voran gehen. Der damalige Justizminister Jack Straw ließ inzwischen durchblicken, bei den Überlegungen, der Lockerbie-Drahtzieher zu begnadigen, habe das BP-Geschäft eine Rolle gespielt. Längst überschattet die aufgeheizte Stimmung auch den Antrittbesuch des neuen britischen Premiers David Cameron in Washington, der zusagte, mit den empörten US-Senatoren über den Fall zu reden. Diese wollen es jetzt ganz genau wissen. Für nächste Woche Donnerstag (29. Juli) haben sie die BP-Spitze zur Anhörung vor ihren Auswärtigen Ausschuss zitiert.

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