Politik : Millionengrab Mitte

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Von Daniel Rhée-Piening

und Ralf Schönball

Sie liegen im Zentrum des Neuen Berlins und werden in den Reiseführern aller Touristen als Attraktion gehandelt: die Hackeschen Höfe in Mitte. Durch das 1908 im Jugendstil errichtete Ensemble mit seinen bunten Fliesen, vor wenigen Jahren erst aufwändig restauriert, drängen sich jeden Abend und jeden Tag die Menschen. Sie besuchen das Varieté Chameleon, gehen in die Cafés und Restaurants oder ins Kino, flanieren durch die acht Höfe und stöbern in den schicken Läden.

So sieht eine Erfolgsgeschichte aus. Doch der Schein trügt. Was bisher niemand wusste: Die Mieter zahlen zwar viel, aber längst nicht genug. Es reicht nicht einmal, um die Kreditzinsen für die teuer hergerichteten Vorzeigehäuser zahlen zu können. Nach einem internen Bericht der Wirtschaftsprüfer der Landesbank, die dem inzwischen insolventen Baulöwen Roland Ernst das Geld für die Sanierung geliehen hatte, fehlen den elf Nachfolgern jedes Jahr zwei Millionen Euro. Die Zinsen müssen sie aus ihrer Privatkasse bezahlen. Wie lange das gut geht, ist ungewiss. Eigentlich müssten die Eigentümer die Mieten drastisch erhöhen - doch das können sich hier viele nicht leisten. Einer der lebendigsten Orte Berlins droht zu veröden.

Die Hackeschen Höfe sind kein Einzelfall: Immer mehr stadtbekannte Adressen geraten in den Strudel der Skandale um die Bankgesellschaft. Noch weit dramatischer ist die Lage beim Forum Neukölln. Hier rechnet die Bank mit zweistelligen Millionenverlusten - zu viele Läden stehen leer.

Und das Missmanagement geht immer noch weiter: Es herrscht Chaos bei der Überwachung der Kredite und der Kontrolle waghalsiger Geschäfte durch die Landesbank, wie aus dem Bericht der Wirtschaftsprüfer hervorgeht. So konnten die Banker nicht einmal beurteilen, ob ihre Kunden überhaupt kreditwürdig sind, als sie ihnen Millionen lieh. Die Prüfer halten es deshalb sogar für möglich, dass die Bank geschlossen werden muss.

Für Stadtentwicklungssenator Peter Strieder und die anderen Mitglieder des Aufsichtsrates, der am Donnerstag zusammen kommen wird, sind das höchst unangenehme Nachrichten. Zwar konnte das Institut nach Informationen des Tagesspiegels im Jahr 2001 einen kleinen Gewinn in Höhe von 25,1 Millionen Euro verbuchen. Doch dieses Kunststück gelang nur mit Hilfe des Steuerzahlers, der den Bankenkonzern bereits zweimal vor der Schließung bewahrte.

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