Politik : "Milosevic gibt Montenegro nicht auf"

Herr Czempiel, werden Milosevics Truppen den pro-westlichen Präsidenten der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro, Milo Djukanovic, absetzen?



Daß Milosevic die serbischen Truppen dort verstärkt, muß keinen heißen Konflikt bedeuten. Der Konflikt zwischen Belgrad und Podgorica ist ja schon im Gange, seit Djukanovic vor anderthalb Jahren ins Amt kam. Er stützt sich auf die Polizei, Milosevic verstärkt bereits seit längerem die Truppen. Nachdem er aber seit 1989 so viel verloren hat, wird Milosevic nicht freiwillig eine weitere Republik aufgeben.



Hat er denn das Kosovo bereits aufgegeben?



Die serbische Armee hat sich zwar von dort zurückgezogen. Doch ist sie nur drei Kilometer hinter der Grenze stationiert. Diese Armee kann wiederkommen und auf eine internationale Truppe treffen, die keinen Luftschirm besitzt: Wenn unten die eigenen Soldaten stehen, kann schließlich nicht mehr bombardiert werden. Die Kfor-Truppen wären den Serben im Geländekampf hoffnungslos unterlegen.



Und wie wird sich der Westen verhalten, sollte Milosevic tatsächlich einen Staatsstreich in Montenegro durchführen?



Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß die Nato einschreitet. Allerdings dachte ich vor dem 24. März auch nicht an eine Bombardierung Serbiens. Wenn die Nato in Montenegro eingreifen würde, hätten wir endgültig den Krieg auf dem Balkan.



Sind andererseits die Demonstrationen gegen Milosevic und die Regierungsumbildung nicht Anzeichen dafür, daß seine Position schwächer wird?



Wahrscheinlich wird Milosevic wirklich in absehbarer Zeit abgelöst - er ist, nicht zuletzt durch den Haftbefehl des Internationalen Kriegsverbrechertribunals, zu einer ernsten Belastung geworden. Und die Demonstrationen könnten zu einer neuen Oppositionswelle werden. Nur: Auch in der jetzt umgebildeten Regierung sitzen vor allem Hardliner. Und auch Milosevics Nachfolger wird kein Demokrat sein. Sondern ein weiterer Nationalist, der weder einen Verlust des Kosovo noch Montenegros hinnehmen wird. Das muß dem Westen klar sein.



Die Nationalisten erhalten auch durch die serbischen Flüchtlinge neue Nahrung.



Ja. Über eine halbe Million serbischer Flüchtlinge sind eine kritische Masse, die politisch keine Ruhe gibt. Und jetzt noch der Exodus der Kosovo-Serben: Hier hat der Westen versäumt, einen nördlichen Sektor zu bilden, in dem die Serben vor den zurückkehrenden Albanern sicher sind. Das war und ist ein schwerer Fehler. Hier die Serben, dort die Albaner: Nur mit einer solchen Trennung hätte der Westen den Konflikt beruhigen und sein Ziel erreichen können, ein multiethnisches Kosovo zu erhalten. Alles andere ist gefährliche Augenwischerei.

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