Politik : "Milosevic kann weiter Krieg führen"

THOMAS GACK

WASHINGTON .Wenn General Wesley Clark wie beim Washingtoner NATO-Jubiläumsgipfel vor großem Publikum auftritt, dann strahlt er geradezu vor Optimismus und Siegeszuversicht: "Wir gewinnen.Er verliert.Und das weiß er." Daß der Sieg der amerikanischen Kardinalstugenden gegen den serbischen Finstermann Milosevic allerdings nicht unmittelbar bevorsteht, läßt sich aus den Worten des NATO-Oberkommandierenden entnehmen, die er in anderer Umgebung weit nüchterner formuliert.Nach 32 Tagen der Luftangriffe sei "die militärische Führungsfähigkeit" der Serben nur "bescheiden verringert", räumte er am Wochenende vor Militärexperten ein.Die Analysen der westlichen Nachrichtendienste sind noch klarer: Milosevics Fähigkeit, Krieg zu führen, sei intakt geblieben, heißt es in einer NATO-Studie.

Dabei war die NATO in den letzten Wochen weder untätig noch erfolglos.Nacht für Nacht und immer öfter auch bei Tage flog die alliierte Luftwaffe Angriffe auf serbische Ziele - insgesamt mehr als 8000.Der Erfolg sei jedoch "gemischt", gab die NATO nun in Washington zu.Die Hälfte der serbischen MIG 29, des modernsten Jagdbombers russischer Bauart, wurden gleich in den ersten Tagen abgeschossen.35 weitere Flugzeuge hat die jugoslawische Armee am Boden und in der Luft verloren.Inzwischen wagt keiner der verbleibenden jugoslawischen Jets mehr, sich in Luftkämpfe mit den NATO-Flugzeugen verwickeln zu lassen.

Die Vertriebenen in den Flüchtlingslagern berichten allerdings, daß die jugoslawische Armee nach wie vor Kampfhubschrauber und langsam- sowie tieffliegende Flugzeuge gegen Bodenziele einsetzt.Diese knapp über den Baumwipfeln fliegenden grüngestrichenen Maschinen sollen auch, so Augenzeugen, mit Maschinenwaffen und Cluster-Sprengbomben Flüchtlingskonvois angegriffen haben.Bevor die NATO-Kampfflugzeuge von ihren Aufklärern zu diesen Zielen herangeführt werden können, verschwinden die serbischen Flugzeuge von der Bildfläche.

Als relativen Erfolg wertet es die NATO, daß es ihr gelungen ist, inzwischen rund 30 Prozent der jugoslawischen SA-3 Boden-Luft-Raketen und zwischen 10 und 15 Prozent der mobilen SA-6-Raketen zu zerstören.Doch trotz des Einsatzes der speziell zur Ortung und Zerstörung von Radaranlagen elektronisch ausgerüsteten Tornados der Bundesluftwaffe konnten nur 16 Frühwarnradars der Serben ausgeschaltet werden.Diese Zahl sei ein "relativ geringer Teil" der jugoslawischen Anlagen, räumen die NATO-Analytiker ein.Retten konnte die serbische Armee ihre Radaranlagen aber nur, weil sie darauf verzichtete, sie einzuschalten und damit elektronisch ortbar zu machen.Die Serben haben so zwar ihr Gerät noch, die NATO hat aber die Luftüberlegenheit.Sie kann im Himmel über Jugoslawien praktisch tun und lassen was sie will - sofern das Wetter es zuläßt.

Denn 50 Prozent der Angriffe der NATO-Jabos mußten in den vergangenen Wochen abgeblasen werden, weil die Wolkendecke zu dicht war und die Ziele nicht genau anvisiert werden konnten.Die Piloten haben strenge Weisung, lieber unverrichteter Dinge wieder auf ihre Stützpunkte zurückzufliegen, als durch Fehlwürfe die Zivilbevölkerung zu gefährden.Die niedrige Wolkendecke und das nach wie vor hohe Risiko durch die bewegliche serbische Luftabwehr, zumal durch kleine Raketen, die von jeder Schulter abgefeuert werden können, zwingen die NATO- Kampfflugzeuge zudem auf eine Höhe von 15 000 Fuß - rund 5000 Meter, eine Distanz, die eine Bekämpfung von Punktzielen auf Sicht erheblich erschwert.

Der NATO ist es deshalb im Kosovo nicht gelungen, die schweren Waffen der jugoslawischen Armee auszuschalten.Lediglich 10 bis 20 Prozent der 400 Panzer und gepanzerten Fahrzeuge, die im Kosovo bei der serbischen Menschenjagd eingesetzt werden, konnten inzwischen zerstört werden.Mit ihren Luftschlägen aus großer Höhe und ihren "intelligenten Bomben" ist es der NATO zwar gelungen, rund 50 Prozent der Verbindungswege zwischen Serbien und dem Kosovo zu unterbrechen, Brücken zu zerstören und die vier Asphaltstraßen in den Kosovo unpassierbar zu machen.Um die jugoslawischen Streitkräfte im Kosovo aber wirksamer aus der Luft bekämpfen zu können, Panzer und Artilleriestellungen punktgenau ins Visier zu nehmen, müßten die NATO-Jabos zum Tiefflug übergehen, meinen die Militärexperten.Sie würden dann aber ein deutlich höheres Risiko eingehen - gegen die schultergestützten Luftabwehrraketen wären die Tiefflieger fast schutzlos.

Wenn die militärische Führung jedoch zusätzliche Kampfflugzeuge und mehr Entscheidungsfreiheit für deren Einsatz bekommen würde, dann, so heißt es in NATO-Kreisen, könne man den Druck auf Milosevic spürbar erhöhen.Beim Washingtoner Jubiläumsgipfel haben die Staats- und Regierungschefs der NATO deshalb beschlossen, die Luftschläge zu verstärken und dem Belgrader Regime den Ölhahn abzudrehen."Wir werden", so meint ein NATO-Offizier am Wochenende in Washington zuversichtlich, "die Serben Schritt für Schritt zermürben."

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