Milosevic : Todesursache weiter unklar

Nach Mordvorwürfen aus Belgrad und Moskau soll eine Obduktion die Todesursache des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic klären. Die UN-Chefanklägerin will auch einen Selbstmord Milosevics nicht ausschließen.

Den Haag/Belgrad - Der 64-jährige Milosevic war am Samstag tot in seiner Zelle des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag gefunden worden. Die Chefanklägerin des Tribunals, Carla Del Ponte, wollte am Sonntag einen Selbstmord nicht ausschließen. Entsprechende Behauptungen bezeichnete sie jedoch als Gerüchte. Die Ergebnisse der Autopsie, an der auch zwei Pathologien aus Belgrad teilnehmen sollten, müssten abgewartet werden. Der Pflichtverteidiger von Milosevic, der britische Jurist Steven Kay, schloss einen Selbstmord eindeutig aus.

«Es wäre nicht das erste Mal, dass einer unserer Angeklagten den eigenen Tod einer Verurteilung vorzieht», sagte Del Ponte in einem Interview der italienischen Zeitung «La Repubblica». In der vergangenen Woche habe sich der zu 13 Jahren Haft verurteilte kroatische Serbenführer Milan Babic in der Gefängniszelle das Leben genommen. Bereits zuvor habe es einen anderen Fall von Selbstmord gegeben. Der Prozess in Den Haag hätte laut Del Ponte vermutlich in Kürze mit einer Verurteilung zu lebenslänglicher Haft geendet. «Vielleicht hatte er sich das alles ersparen wollen.» Die Anklage lautete auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Vertreibung und Völkermord im Zusammenhang mit den Balkankriegen der 90er Jahre.

Milosevic, der immer wieder wegen Herzbeschwerden und Blutdruckproblemen verhandlungsunfähig war, sei stets medizinisch gründlich untersucht und überwacht worden, sagte Del Ponte. Das Gericht habe ihm vor Weihnachten den Wunsch verweigert, in Moskau medizinisch behandelt zu werden, denn die Behandlung sei auch in Den Haag möglich gewesen. Zudem habe man befürchtet, Milosevic könnte aus Moskau nicht mehr zurückkehren. Die Beschuldigung seiner Ehefrau Mirjana, er sei vergiftet worden, bezeichnete die Chefangklägerin als absurd.

«Der Tod Milosevics stellt für mich eine völlige Niederlage dar.» Als Anklägerin habe sie den Prozess zu Ende führen wollen. Nun seien viele Jahre der Arbeit vergeblich gewesen. Der Tod des Angeklagten habe sie verärgert und wütend gemacht. Die Schweizerin kündigte an, in anderen Verfahren zu den selben Anklagepunkten, die auch Milosevic zur Last gelegt wurden, den Nachweis zu führen, wie der Völkermord an den bosnischen Muslimen geschehen konnte. Erneut verlangte sie die Auslieferung der ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic und Ratko Mladic an das Tribunal. Der Tod Milosevics mache es noch dringender, diese beiden vor Gericht zu stellen, sagte sie.

Der Präsident des UN-Tribunals, Fausto Pocar, bestätigte, dass ein nach dem Auffinden von Milosevic am Samstag herbeigerufener Mediziner zwar den Tod, aber noch nicht die Todesursache habe feststellen können. An der Autopsie wollten die Pathologen Ivica Milosavljevic und Srbislav Ilic vom Militärkrankenhaus in Belgrad teilnahmen. Die serbisch-montenegrinische Regierung entsandte den Minister Rasim Ljajic nach Den Haag. Wann die Ergebnisse der Autopsie vorliegen, wurde zunächst nicht bekannt.

Der Pflichtverteidiger von Milosevic schloss einen Selbstmord seines Mandanten aus. Der britische Jurist Steven Kay erklärte dem Sender BBC News 24 am Samstag: «Er sagte mir vor einigen Wochen: "Ich habe diese Sache nicht so lange ausgestanden, um mir irgendetwas anzutun".» Der Bruder von Milosevic gab dem UN-Tribunal die Schuld am Tod. «Die Verantwortung dafür liegt beim UN-Tribunal», sagte Borislav Milosevic am Samstag in Moskau, wo er Ende der 1990er Jahre als Botschafter gearbeitet hatte. Die Sozialistische Partei Serbiens (SPS), deren Vorsitzender Slobodan Milosevic trotz Inhaftierung war, sprach sogar von Mord. «Milosevic ist in Den Haag nicht gestorben, er wurde ermordet», sagte der inoffizielle SPS-Chef Ivica Dacic.

Das russische Außenministerium übte indirekt Kritik an den Richtern des UN-Tribunals. «Wir bedauern, dass ungeachtet unserer Garantien das Tribunal Milosevic die Möglichkeit einer ärztlichen Behandlung in Russland untersagt hat», erklärte ein Sprecher in Moskau.

Ort der Beisetzung steht noch nicht fest

Wo Milosevic bestattet werden soll, steht noch nicht fest. Der Bruder des Toten wurde mit den Worten zitiert, der Ort der Bestattung sei noch nicht entschieden. Er sei aber dafür, dass sein Bruder in der Heimat beigesetzt werde.

Die Europäische Union nahm den Tod des Ex-Politikers zum Anlass, die Menschen in Serbien zur Aussöhnung aufzurufen. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, die Bemühungen sollten erneuert werden, auf dem Balkan für Frieden und Stabilität zu sorgen. Der Serbe Milosevic gilt als der maßgebliche Anstifter der Kriege in den 1990er Jahren auf dem Balkan, bei denen zehntausende Menschen bei so genannten ethnischen Säuberungen ums Leben kamen.

Die US-Regierung sprach sich für eine Fortsetzung der Arbeit des Tribunals aus. «Milosevic war der Hauptverantwortliche für die gewaltsame Zerstückelung Jugoslawiens in den 90er Jahren», hieß es in einer Stellungnahme des US-Außenministeriums.

Milosevic war seit Ende Juni 2001 in Haft. Seit Februar 2002 lief der Völkermordprozess gegen ihn wegen der Bürgerkriege nach dem Auseinanderfallen des Vielvölkerstaates Jugoslawiens. Es war beabsichtigt, die mündliche Verhandlung im Mai zu beenden. Das Gericht hatte kürzlich darauf hingewiesen, dass ihm eine lebenslange Haft droht. (tso/dpa)

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