Politik : Milzbrand: Erreger in der Steppe

Elke Windisch

Für Washington ist die Sache klar: Herkunftsland der per Post versandten Milzbrand-Sporen ist Kasachstan. Einiges spricht in der Tat dafür. Die zentralasiatische Ex-Sowjetrepublik ist in etwa so groß wie Europa, mit 15,5 Millionen Einwohnern aber extrem dünn besiedelt. Schon Ende der 40er Jahre verlagerten die kommunistischen Machthaber in Moskau daher die wichtigsten Forschungs- und Produktionsstätten ihres B-Waffenprogramms vom Ural in die Steppen und Wüsten östlich des Kaspischen Meeres. Der Schwerpunkt lag dabei auf Experimenten mit Kulturen, die innerhalb weniger Tage Epidemien mit Millionen Opfern auslösen können. Nach dem Ende der Sowjetunion berichtete das russische Fernsehen sogar über Züchtung von Ebola-Erregern. Die roten Kommissare hatten erkannt, dass Biowaffen billiger sind als Atombomben und mindestens so effektiv.

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Stichwort: Milzbrand
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Trittbrettfahrer II: Konjunktur verdächtiger Briefe Gewonnen wurden die Milzbrand-Erreger aus natürlichen Herden. Trotz gegenteiliger Behauptungen der um ihr internationales Prestige besorgten Sowjetmedizin, konnten weder Beulenpest- noch Milzbrand-Erreger, die seit Jahrhunderten in Zentralasien, im Altaigebiet und in der heutigen russischen Teilrepublik Tuwa an der Grenze zur Mongolei existieren, vollständig dezimiert werden. Soldaten der Nationalen Volksarmee der ehemaligen DDR wurden denn auch vor der Abreise zu Manövern in Kasachstan geimpft und mussten sich schriftlich zum Schweigen verpflichten.

Der US-amerikanische B-Waffen-Experte Milton Leitenberg warnte gegenüber der Agentur EurasiaNet dennoch vor übereilten Schlussfolgerungen. Auf biologische Kriegsführung spezialisierte Offiziere des US-Verteidigungsministeriums hätten seit Anfang der 90er Jahre freien Zutritt zu den wichtigsten B-Waffen-Labors in Kasachstan. Zur Dekontaminierung und sicheren Lagerung von Restkulturen in hermetisch verschlossenen gekühlten Räumen im zentralkasachischen Stepnogorsk hätten die USA im Rahmen eines mehrjährigen Programms Mittel in zweistelliger Millionenhöhe aufgewendet.

Einige Experten gehen dennoch von Schmuggel aus. Angesichts gravierender Wirtschaftsprobleme und Massenelend seien illegale Verkäufe nicht auszuschließen. Russische Experten dagegen, die zu Sowjetzeiten am B-Waffenprogramm beteiligt waren, machen geltend, dass die Stämme in den kasachischen Labors nur in tiefgefrorener Form verfügbar sind. Terroristen seien nicht in der Lage, daraus in Heimarbeit trockenes Pulver herzustellen.

Ganz vom Tisch ist die Variante dennoch nicht. Möglicherweise führen die Spuren nach Wosroschdenije, einer Insel im Aralsee. Wegen der Abgeschiedenheit des Ortes führten die Sowjets hier ihre schlimmsten Experimente mit biologischen Waffen durch - an Affen, Pferden und Schafen. Als Moskau die Insel Anfang 1993 räumte, wurden die Bakterienkulturen nur notdürftig mit Chlorkalk abgetötet und in verzinkten Kanistern oberflächennah im Erdreich verscharrt.

Einige davon legten, wie usbekische Forscher inzwischen feststellen mussten, Sandstürme und Sturzregen wieder frei. Zentralasienkenner schließen nicht aus, dass sich auch die Islamische Bewegung Usbekistans bediente, die seit 1996 auf Seiten der Taliban kämpft.

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