Minarett-Abstimmung : "Es herrscht Pogromstimmung"

Der Schweizer Soziologe und Politiker Jean Ziegler über verklemmte Kleinbürger in der Schweiz und die Reaktion der Muslime.

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Jean Ziegler -Foto: ddp

Haben Politiker, die ein Bauverbot für Minarette fordern, die Einstellung der Schweizer gegenüber Muslimen verändert?

Ja. Es herrscht eine Pogromstimmung. Viele Muslime fürchten sich vor Anschlägen, vor Gewalt, vor Stigmatisierung. Zuerst gab es nur eine kleine Gruppe in der Schweizerischen Volkspartei, hart an der Grenze zum Faschismus, die ein Bauverbot für Minarette forderte. Jetzt aber ist das Feuer im ganzen Land entfacht.

Wieso sind diese Leute so erfolgreich?

Die Schweizerische Volkspartei (SVP) ist die größte Partei im Lande, sie lebt von der Angst. Sie braucht immer neue Feindbilder. Sie versuchten es mit den eingewanderten Deutschen als Feindbild. Das funktionierte nur begrenzt. Jetzt bläst die SVP zu einem Kreuzzug gegen den Islam. Die Muslime sind die neuen Sündenböcke. Sie sollen per Verfassung ausgegrenzt werden.

Warum konzentrieren sich die Islam-Gegner auf das Minarett?

Das hat mit der verklemmten Mentalität des Schweizer Kleinbürgers zu tun. Der Moscheeturm wird als ein Phallussymbol wahrgenommen. Der Kleinbürger fürchtet sich vor einer Vergewaltigung durch eine aggressive Macht, durch den Islam. Das Ganze ist natürlich völlig irrational. Aber: Je irrationaler die Kampagne gegen die Muslime, desto erfolgreicher ist sie.

Werden die Islamgegner nach der Minarett-Initiative weitermachen?

Ja. Sie werden ihren Kreuzzug gegen den Islam verschärfen. Die rechten Gruppen haben pralle Kriegskassen. Der Anführer der SVP, Christoph Blocher, ist Milliardär. Viele reiche Geschäftsleute in der Deutschschweiz stehen hinter der Partei.

Welche Konsequenzen wird die Abstimmung im Ausland haben?

Die Schweizer wissen nicht, was auf sie zukommt. Die Muslime verfolgen seit Wochen mit großer Sorge und mit Wut die Kampagne gegen sie in der Schweiz. Sie könnten Schweizer Produkte boykottieren, die Schweizer werden zu Feinden. Auch die Erfolge der Berner Außenpolitik werden liquidiert. Die Schweiz hat dank der klugen Diplomatie der Außenministerin Micheline Calmy-Rey einen hervorragenden Ruf in den meisten muslimischen Ländern. Man muss sagen – noch hat die Schweiz diesen Ruf.

In der Schweiz leben 400 000 Muslime, bislang gab es wenige Probleme…

…aber viele Gastarbeiter und Flüchtlinge aus muslimischen Ländern erfahren am eigenen Leib die Hartherzigkeit der Schweizer Behörden. Die Abschiebepraxis der Regierung etwa ist berüchtigt.

Und die reichen Muslime aus den Golfstaaten, sind sie willkommen?

Natürlich, die sind wegen ihrer Petrodollars willkommen. In meiner Heimatstadt Genf geben die reichen Muslime viel Geld aus. Aber auch in Genf sind viele Behörden schon rassistisch infiziert. Das zeigte sich, als die Polizei mit einer massiven Aktion den Sohn von Libyens Staatschef Muamar al Gaddafi verhaftete. Das löste eine schwere Krise in den Beziehungen der Schweiz zu Libyen aus.

Das Gespräch führte Jan Dirk Herbermann.

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