Politik : Mindestens haltbar bis 2006

Die Union sagt sich: Nach der Wahl ist vor der Abwahl des Kanzlers – deshalb muss Kandidat Stoiber auf dem Sprung bleiben

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Von Robert Birnbaum

Man kann lange Fragen lang und ausweichend beantworten oder kurz und klar. Michael Glos, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, macht es kurz. Ob er die Ansicht von Ex-Fraktionschef Wolfgang Schäuble teile, dass die Wahl der CDU-Chefin Angela Merkel zur Fraktionsvorsitzenden von CDU und CSU keine Vorentscheidung für die Kanzlerkandidatur der Union 2006 sei? „Ja“, sagt Glos. Damit war klar, was seit Montag ohnehin kaum zu übersehen ist: CSU-Chef Edmund Stoiber hat Merkel zum Fraktionsamt verholfen, verbindet damit aber keine weiter gehende Verpflichtung.

Im Gegenteil: Glos’ Bemerkung soll dem Automatismus in der Kandidatenfrage einen Riegel vorschieben. Offenbar sieht da einer die Gefahr. Allerdings haben Merkel und Stoiber die Debatte mit angezettelt, als sie am Montag verkündeten, der Ex-Kandidat Stoiber bleibe Kandidat in spe. Als Begründung diente die Idee, diese Regierung könne gar nicht lange halten, dann brauche die Union sofort eine Alternative. Dass das eintritt, ist aber unwahrscheinlich. Gerhard Schröder müsste die Vertrauensfrage stellen und verlieren. Das tut kein Kanzler ohne Not.

So stecken wohl neben dem Versuch, sich über die knappe Niederlage hinwegzutrösten, hinter der Verlängerung des Kandidatenstatus andere Gedanken. Erstens wirkt Stoiber nicht mehr so sehr wie ein Geschlagener, sondern kann sich weiter als formale Nummer Eins präsentieren. Merkel bietet die Sprachregelung einen bequemen Weg, lästigen Fragen auszuweichen. Auch blockiert der Phantomkandidat Stoiber das Feld für jeden anderen Interessenten. Das soll er, folgt man Glos, noch lange: „Wahlversprechen gelten für die gesamte Legislaturperiode“, sagt der CSU-Statthalter in Berlin. Aber dann ist er doch noch ausführlicher geworden. Bei der Auswahl des nächsten Kandidaten gehe es nicht um die „Verwirklichung von Machtansprüchen“, sondern einzig darum, wer die größten Erfolgschancen verspreche. Will sagen: Die Kandidatur 2006 will verdient sein.

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