Minijob-Boom : 90 Prozent erhalten Niedriglöhne

Arbeitsmarktexperten ziehen nach dem Minijob-Boom eine desaströse Bilanz. Laut ihren veröffentlichten Studien erhalten knapp 90 Prozent der Minijobber Niedriglöhne. Experten halten das Modell nicht für zukunftsfähig.

Fast 90 Prozent der Minijobber erhalten Wissenschaftlern zufolge Niedriglöhne. Dabei sind die Stundenlöhne von Beschäftigten, die gleichzeitig Hartz IV beziehen, besonders gering.

Zu diesem Ergebnis kommen Studien der Hans-Böckler-Stiftung. Der Untersuchung zufolge, erhielten Minijobber, die zusätzlich Arbeitslosengeld II bekamen, 2009 durchschnittlich nur 6,08 Euro pro Stunde. Bei anderen geringfügig Beschäftigten betrug der Durchschnittssatz dagegen mehr als acht Euro. Die Forscher betrachteten den Angaben zufolge nur Menschen, für die der Minijob die Hauptbeschäftigung ist. Nicht berücksichtigt wurden Schüler, Studenten, Rentner und Beschäftigte, die eine 400-Euro-Stelle neben ihrem regulären Beruf haben.

Derzeit gibt es in Deutschland insgesamt rund 7,5 Millionen Minijobber, davon sind 4,9 Millionen ausschließlich geringfügig beschäftigt. Der Staat fördert Minijobs, indem er weniger
Sozialbeiträge verlangt als bei einer regulären Stelle. Die Forscher vermuten, dass Arbeitgeber die Sozialleistungen einkalkulieren. Damit profitierten sie von „einem Kombilohn zu Lasten des Fiskus“, sagte Alexander Herzog-Stein vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung.

Die steuer- und abgabenrechtliche Privilegierung der Minijobs sei insgesamt Ursache für „Fehlentwicklungen“, die zur Diskriminierung der Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt und drohenden Lücken in der sozialen Sicherung führten, erklärten die Forscher. Die Abschaffung des Sonderstatus sei „unvermeidlich“. Die dadurch geschaffenen Probleme spitzten sich nur weiter zu. "Der steile Aufstieg von Minijobs im deutschen Beschäftigungssystem ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie sich im Einzelnen begründbare Praktiken verselbstständigen und immer weiter weg führen von zukunftsfähigen Lösungen für eine moderne Erwerbsgesellschaft“, fassten die Experten zusammen.

Helga Nielebock, Leiterin der Rechtsabteilung beim Deutschen Gewerkschaftsbund sagte, Arbeitnehmer sollten sich vor der Annahme eines Minijob über die tariflich vereinbarten Löhne informieren. „Denn Minijobber können den gleichen Tariflohn verlangen wie ein Arbeitnehmer in einer vergleichbaren sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit, wenn ein Tarifvertrag vereinbart ist“, sagte Nielebock. Liegt der mit dem Arbeitgeber vereinbarte Lohn ein Drittel unter dem Tariflohn, sei er sittenwidrig. In so einem Fall könne der Arbeitnehmer den Arbeitgeber verklagen. (dpa, dapd, AFP)

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