Politik : Minister für menschliche Beziehungen

Bremens Bürgermeister Henning Scherf liebäugelt mit einem Job in Berlin. So könnte er dem Finanzdesaster der Hansestadt entfliehen

Eckhard Stengel[Bremen]

Henning Scherf wollte es unbedingt anders machen als Kurt Biedenkopf: „Der hat traumhafte Arbeit gemacht, aber sein Abgang war entsetzlich.“ Nun jedoch schädigt auch Bremens Bürgermeister sich selbst. Quälend lang hatte Sachsens pensionsreifer Ministerpräsident CDU-Forderungen abgewehrt, einem Jüngeren zu weichen. Beim SPD-Politiker Scherf ist es umgekehrt: Die meisten Genossen und vor allem der Koalitionspartner CDU wollen ihn noch möglichst lange im Amt halten, aber der 65-Jährige spielt mit dem Gedanken, bald fahnenflüchtig zu werden und sich mit bundespolitischen Aufgaben adeln zu lassen.

Es fing schon vor Monaten an: Bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten kam auch das Kommunikationsgenie Scherf ins Gespräch. Der lehnte nicht etwa mit Hinweis auf seine Berufung in Bremen ab, sondern verwies nur darauf, dass ein Sozi keine Wahlchance hätte. Dann wurde ein Nachfolger für Florian Gerster als Chef der Bundesagentur für Arbeit gesucht. Diesmal war der Bremer tatsächlich in der engeren Wahl, und er hätte wohl auch zugesagt. Scherf-Kennern schaudert es bei diesem Gedanken. Der große Umarmer kann zwar Menschenherzen erobern, schlägt sich aber ungern mit Fakten und Akten herum. Er könnte allenfalls „Bundesminister für keine Ahnung und für menschliche Beziehungen“ werden, heißt es in Senatskreisen.

Trotzdem sehen ihn manche als Stimmungsaufheller für Rot-Grün in Berlin. Der „Stern“ berichtete jetzt, er solle Verkehrsminister Manfred Stolpe beerben. Dem hat Scherf zwar widersprochen, doch mochte er einen Wechsel nach Berlin auch nicht grundsätzlich ausschließen: „Es kommt drauf an.“

„Ich stehe nicht Schlange bei Bewerbungen“, meinte er, aber er wolle einen guten Anlass finden, um zum geeigneten Zeitpunkt einem Nachfolger Platz zu machen – „wie bei jedem gut geführten Betrieb“. Bisher hatte er dafür allerdings die Mitte der Wahlperiode, also 2005, anvisiert. Wenn er jetzt schon die Koffer packen würde, stünde die SPD ziemlich verlassen da: Sie hat noch keinen Kronzprinzen ausgeguckt und steht selber gerade vor einem Führungswechsel im Landesvorstand.

Auch die CDU würde sich verraten fühlen. Landesparteichef Bernd Neumann: „Wir haben die große Koalition nur mit Scherf abgeschlossen.“ Er sei der Stabilisator des Bündnisses und könne nicht einfach „die Flucht aus der Verantwortung“ antreten. Erst müsse er weitere Bundesbeihilfen zur Bremer Haushaltssanierung eintreiben. Bisher wartet die Hansestadt vergeblich auf die von Scherf mit Gerhard Schröder ausgehandelten Hilfen, mit denen das rot-schwarze Bremen für sein Ja zur rot-grünen Steuerreform belohnt werden sollte. „Ich will alles daransetzen, um das Beste für Bremen rauszuholen“, sagt Scherf. Aber das könnte er ja vielleicht auch als Bundesminister.

Warum nur lässt sich der 65-Jährige jetzt noch für neue Posten handeln? Vielleicht ist ihm sein Ruhm zu Kopf gestiegen: Bremer Wahlsieg, Ernennung zum Vermittlungsausschuss-Vorsitzenden, „Orden wider den tierischen Ernst“. Da schmeichelt es natürlich, für höhere Aufgaben gehandelt zu werden – auch wenn Scherf selber sagt, er werde vor allem als „personifizierte große Koalition“ wegen deren erfolgreicher Politik umworben. Wahrscheinlicher scheint aber, dass „Henning der Große“ den Glauben an die rot-schwarze Sanierungspolitik verloren hat und aussteigen möchte, bevor das ganze Desaster am Jahresende offenbar wird. Dann nämlich laufen die derzeitigen Bundesbeihilfen aus, und im Bremer Haushalt klafft eine Lücke von 500 Millionen Euro. Scherf selbst weist diesen Verdacht allerdings weit von sich und behauptet: „Wir haben eine exzellente Sanierungspolitik gemacht.“

Trotzdem ist der Bundeskanzler offenbar nicht besonders scharf auf einen Minister Scherf. Zumindest betonte Schröder am Mittwoch, an der Spekulation des „Stern“ sei nichts dran: Er habe nicht die Absicht, den Bremer nach Berlin zu holen.

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