Politik : Ministerin gibt 240 Millionen für Todkranke

Sebastian Bickerich

Berlin - Eugen Brysch will die Ruhe bewahren. Doch es muss jetzt raus, und der Mann ist im Laufe seiner Ausführungen immer wütender geworden: „Der Hamburger Justizsenator Roger Kusch hat seine Promotion zum Thema Vollrausch geschrieben. Über Sterbehilfe redet er genauso: im ethisch-moralischen Vollrausch“, klagt Brysch, der im Hauptberuf Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Hospizstiftung ist.

Worüber sich Brysch so aufregt, ist der Verlauf der Diskussion über ein Thema, das wir selbst am liebsten verdrängen: das Sterben. 74 Prozent der Deutschen, heißt es in einer aktuellen Umfrage für das Magazin „Stern“, sprechen sich für aktive Sterbehilfe aus, und der Hamburger Justizsenator Kusch (CDU) bekommt für seinen Vorschlag zur Legalisierung des Tötens auf Verlangen in den letzten Tagen neben Ablehnung aus der eigenen Partei und seiner Ministerkollegen in den Ländern auch Rückendeckung, vor allem von Politikern der FDP.

„Auf eine so einfache Frage, wie sie der ,Stern’ gestellt hat, würde ich auch mit Ja antworten“, sagt Brysch – und stellt die Umfrageergebnisse sogleich in Frage. Denn zum einen werde zwischen Sterbehilfe und schmerzvollen Todesqualen keine Alternative aufgezeigt, zum anderen der Begriff der „aktiven Sterbehilfe“ nicht korrekt erläutert, so Brysch. Denn aktive Sterbehilfe könne in der Praxis auch ein Töten ohne das Einverständnis des Patienten bedeuten, sagt Brysch und verweist auf das Beispiel der Niederlande, wo rund ein Viertel aller durch aktive Sterbehilfe ums Leben gekommenen Patienten durch Entscheidungen von Verwandten oder Ärzten zu Tode kommt. Zudem würden moderne Methoden der Sterbebegleitung wie die Palliativmedizin in der Diskussion ausgeblendet.

„Nur drei Prozent der Bevölkerung wissen, was Palliativmedizin ist: eine Schmerztherapie mit seelsorgerischer Begleitung von Schwerstkranken, in der der natürliche Sterbeprozess weder verkürzt noch verlängert wird“, sagt Brysch. Zieht man diese Therapieform mit in Betracht und erläutert man sie, kommt man laut einer aktuellen Emnid-Umfrage zu einem ganz anderen Ergebnis: 56 Prozent befürworten Schmerztherapie und Hospizarbeit, nur 35 Prozent sprechen sich für die aktive Sterbehilfe aus.

Statt eines Sterbehilfegesetzes fordert die Hospizstiftung deshalb eine bessere Versorgung mit stationären Hospizen. Zurzeit stehen nach Angaben der Stiftung für 850000 Sterbende im Jahr in Deutschland nur 1130 Betten zur Verfügung. Einen Schritt in diese Richtung kündigte am Donnerstag Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) an. Sie will die Palliativmedizin mit einem 240-Millionen-Euro-Programm flächendeckend ausbauen. Die Ministerin plant dazu einen gesetzlichen Anspruch auf eine „spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung“. Dafür sollen bundesweit 330 Teams aus Ärzten und Pflegekräften gebildet werden.

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