Politik : Ministerin opfert Ehe

Mit einer Trennung will Tessa Jowell ihren Rücktritt aus Blairs Kabinett vermeiden

Matthias Thibaut[London]

Sie würde für Tony Blair vor einen Bus springen, hat sie einmal gesagt. Nun opferte die britische Kultur- und Sportministerin Tessa Jowell stattdessen ihren Mann. Wenn nicht, um Tony Blairs, so doch, um die eigene Haut zu retten.

Die für Olympia 2012 verantwortliche Ministerin kommt wegen der gerichtsbekannten Berlusconi-Verbindungen ihres Mannes seit Tagen nicht aus den Schlagzeilen. Nun gab sie „mit gebrochenem Herzen“ bekannt, dass sie und ihr Mann sich trennen würden. Unbequeme Fragen über Jowells Verwicklung in seine Geldgeschäfte am Montag im Unterhaus dürfte das nicht ersparen.

Nicht zum erstenmal wird dem Image von New Labour eine Ministerehe geopfert. Der frühere Außenminister Robin Cook wurde von Labour Spin Doktor Alastair Campbell einst per Handy-Anruf am Flugplatz gezwungen, zwischen seiner Frau und seiner Geliebten zu wählen. Noch am Flughafen gab er seiner Frau, mit der er in Urlaub fahren sollte, den Laufpass. Auch nun wurde wieder Campbells Hand im Spiel vermutet. „Niemand glaubt, dass dies eine echte Trennung ist. Es ist ein zynischer Trick, um ihr aus der Klemme zu helfen“, sagte ein Hinterbänkler ohne Namensangabe dem „Sunday Telegraph“. Jowells Ehemanm David Mills, ein Steuer- und Unternehmensanwalt, spielte in den vergangenen zwanzig Jahren eine tragende Rolle in den von der italienischen Justiz mit Hingabe aufgedröselten Geschäftsangelegenheiten des italienischen Premiers Silvio Berlusconi. Unter anderem soll er Berlusconi durch eine freundliche Zeugenaussage in einem seiner Prozesse die Haut gerettet und dafür Geld bekommen haben. Italienische Richter wollen Mills wegen Korruption anklagen.

Ihr Mann habe ihr Vertrauen missbraucht, begründete Jowell die Trennung. Von seinen komplizierten Vermögenstransaktionen habe sie nichts gewusst, nicht einmal im Fall der Hypothek, die das Ehepaar mit Jowells Unterschrift auf das gemeinsame Eigenheim in Nordlondon aufnahm – angeblich um eine 500 000-Euro-Spende Berlusconis steuerfrei nach Großbritannien einzuführen.

Niemand in Großbritannien wirft der Ministerin Verfehlungen ihres Mannes vor. Doch da die Hypothek mit dem „Geschenk“ – der Spende – zurückgezahlt wurde, hätte Jowell es im Parlamentsregister der Vermögensinteressen registrieren müssen. Frauen würden Dokumente oft im blinden Vertrauen auf ihre Männer unterschreiben, entschuldigten Kommentatorinnen. Für eine Ministerin keine gute Entschuldigung.

Zum Überlaufen wurde das Fass durch einen Brief Mills an die Finanzbehörden von Dubai gebracht. Darin berief er sich nicht nur auf seine Frau – sondern auch auf die „Unterstützung und Sympathie“ des Premiers, eindeutig in der Absicht, persönliche Vorteile zu erzielen.

Es geht nun nicht mehr nur um den Posten der Ministerin. Einmal mehr erscheint New Labour als ein janusköpfiges Gebilde. Die Nähe prominenter Labourfiguren zum großen Geld, der laxe Umgang mit Steuern, das alles passt schlecht zur idealistischen Sozialrhetorik der Regierungspartei. So schrieb die „Sunday Times“ vom „Geruch von Filz“ – und evozierte bewusst die letzten Tage der Tory Regierung unter John Major. Sie verlor 1997 wegen zahlreicher Filzaffären das Vertrauen der Briten.

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