Missbrauch : "Da ist noch viel zu tun"

Christine Bergmann, die Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, zieht nach 18 Monaten eine gemischte Bilanz.

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Die Amtszeit der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, endet bald. Ihre Arbeit soll aber fortgesetzt werden.
Die Amtszeit der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, endet bald. Ihre Arbeit soll aber fortgesetzt...Foto: dapd

Berlin - An manchen Tagen schaffte es Christine Bergmann nicht mehr: „Für heute ist genug, ich mache erst morgen weiter.“ Zu belastend waren die Aussagen über sexuellen  Missbrauch, die sie auf den Tisch bekommen hatte. Ende Oktober hört sie nun ganz auf, dann endet ihre Arbeit als Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. 18 Monate lang gingen mehr als 22 000 Anrufe, Briefe und Mails bei der früheren Familienministerin im Kabinett Schröder ein.

Am Dienstag zog Bergmann Bilanz, zufrieden war sie allerdings nur bedingt. Bei Prävention und Aufklärung sei „viel passiert“, grundsätzlich erhielten Betroffene auch viele Hilfsangebote, zum Beispiel für Therapien. Doch vieles geht ihr noch viel zu langsam. Das Leid der Opfer werde zum Beispiel nur unzureichend gewürdigt. Die umstrittene Härteklausel im Opferentschädigungsgesetz ist noch immer nicht abgeschafft, die Taten vor 1976 nur unter engen Bedingungen vor Gericht bringen lässt. „Das ist überhaupt nicht befriedigend, das geht alles so nicht“, sagte Bergmann.

Der Opferschutz sei auf dem Papier verstärkt worden, die Wirklichkeit bleibe aber zurück. Auch die Entschädigung der Opfer betrachtet Bergmann noch als Baustelle. Es gebe keine klaren Standards. Auch Missbrauchsfälle in Jugendheimen der Bundesrepublik vor dem Mauerfall seien noch nicht zufriedenstellend aufgearbeitet worden. „Da ist noch viel zu tun“, sagte Bergmann.

Für Bergmann sind „Therapien und Pflege der wichtigste Punkt für die Betroffenen“. Aber genau daran fehlt es noch deutlich. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Ulm, der die Aufarbeitung wissenschaftlich begleitet, sagte, Opfer benötigten eine tiefenpsychologische oder Traumatherapie, aber es gebe viel zu wenig Angebote dafür, vor allem auf dem Land. Und nicht selten wüssten auch Hausärzte nicht, wie sie mit Aussagen ihrer Patienten über sexuellen Missbrauch umgehen sollten.

Bergmann sieht deshalb in der Aus- und Fortbildung von Ärzten und Therapeuten noch Handlungsbedarf. Für sie ist es jetzt wichtig, dass der Druck auf die Politik hoch bleibt. Ihre Empfehlungen sind auch in die Diskussionen des Rundes Tisches eingeflossen, der zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle eingerichtet wurde.

Zum Abschluss von Bergmanns Amtszeit wurden auch die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung präsentiert. Von den bis Oktober in der Anlaufstelle eingegangenen Anrufen und Briefen konnten 6 300 für die Begleitstudie ausgewertet werden. Fast 89 Prozent der Anrufer berichteten von mehrfachem und über einen längeren Zeitraum stattfindendem Missbrauch. Knapp 57 Prozent der Fälle haben sich demnach in den Familien ereignet, knapp 30 Prozent in Institutionen. Fast 88 Prozent der Täter waren männlich. Mehr als 43 Prozent der Betroffenen gaben an, unter körperlichen Folgen wie etwa Bauch- oder Rückenschmerzen zu leiden, knapp 42 Prozent berichteten von Beziehungsproblemen.

Bergmann betonte aber auch, dass sich für Betroffene nach Ende ihrer Amtszeit nichts ändere. „Niemand muss Angst haben, dass die Arbeit nicht mehr fortgesetzt wird.“ Die Anlaufstelle bleibt bestehen, nur wer sie nun leiten wird, das ist noch unklar. „Leider“, sagte Bergmann. Zuständig für die Entscheidung ist das Bundesfamilienministerium. (mit dapd)

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