Missbrauch : Verfehlungen Einzelner

Mit dem Birklehof hat die Missbrauchsdebatte eine weitere reformpädagogische Eliteschule erreicht. Es gibt eine eigenartige Verbindung zur Odenwaldschule.

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Lernen im Kurort. Die Internatsschule Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald. Foto: Thomas Kunz/Badische Zeitung
Lernen im Kurort. Die Internatsschule Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald. Foto: Thomas Kunz/Badische Zeitung

Berlin„Wir alle wissen, dass Internat oft Himmel und Hölle zugleich sein kann“, sagte Christoph Laumont im Juli 2002, als er als Schulleiter des Birklehofs ins Amt eingeführt wurde. „Gemeinschaftssinn und Aufmerksamkeit“ versprach der Pädagoge damals für das Gymnasium mit Internat in der Schwarzwaldgemeinde Hinterzarten. Inzwischen ist fraglich, ob die Reformschule auch möglichen dunklen Seiten ihrer Vergangenheit stets ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt hat. Denn die bisherige Verteidigungslinie, wonach anders als an der Odenwaldschule Missbrauch über alle Jahre verhindert worden sei, bröckelt.

Anlass für den Verdacht gibt ein dem Tagesspiegel vorliegender Brief an die ehemaligen Zöglinge der Schule vom 16. März. Darin schreiben Schulleiter Laumont und Geschäftsführer JensArne Buttkereit zwar, dass es „keine Anhaltspunkte für vergleichbare Vorfälle“ wie an der Odenwaldschule gebe – beide Einrichtungen gehören zur Vereinigung der Landerziehungsheime. Doch heißt es in dem Brief auch: „Es scheint, dass Verfehlungen Einzelner insbesondere in den 50er und 60er Jahren vorgekommen sind. Entsprechenden Hinweisen gehen wir gerade nach.“

Vorwürfe will sich die Schulleitung dennoch nicht machen lassen. Sie verweist darauf, dass bereits die ersten Berichte 1999 über die Vorgänge an der Odenwaldschule Anlass gewesen seien zu überprüfen, ob es „Anhaltspunkte für Missbrauch gibt“. Ergebnis damals: keine. Tatsächlich scheint der Skandal an der Odenwaldschule eine andere Dimension zu haben: Dort wurden nach derzeitigem Untersuchungsstand 33 Schüler Opfer von Missbrauch, acht ehemalige Lehrer, darunter der frühere Schulleiter Gerold Becker, werden beschuldigt. Birklehof-Schulleiter Laumont hatte vor einigen Tagen der „Badischen Zeitung“ erklärt: „Ich bin mir bewusst, dass die Möglichkeit und die Gefahr von Missbrauch und Gewalt überall bestehen, wo Menschen zusammen leben und arbeiten.“ Doch beuge das Internat dem vor, indem es bewusst die Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen von nur einer Betreuungsperson verhindere. Laumont erinnerte auch an die „traditionelle Kultur der Offenheit, des Hinsehens und des gegenseitigen Respekts“. Die Einrichtung mit derzeit rund 150 Internatsschülern hat prominente Ex-Zöglinge wie den Stuttgarter Verleger Michael Klett, den Grünen-Politiker Tom Koenigs und den Klimaforscher Ernst-Ulrich von Weizsäcker – und einen Ruf zu verteidigen.

Was mit den „Verfehlungen Einzelner“ gemeint ist, blieb offen. Wurden Zöglinge geohrfeigt, gab es Annäherungen zwischen Lehr- und Schulpersonal und Schülern oder Schülerinnen, wurden sie unsittlich angefasst? „Soll sich doch mal jeder heutige Schulleiter hinstellen und mit 100-prozentiger Sicherheit ausschließen, dass an seiner Schule in den 50er Jahren nicht mal eine Ohrfeige gegeben wurde“, schrieb Geschäftsführer Buttkereit in einem Kommentar auf tagesspiegel.de. Zu Fragen des Tagesspiegels erklärte eine Sprecherin der Schule, „aufgrund der Ernsthaftigkeit des Themas“ brauche eine Antwort „angemessene“ Zeit.

Eine eigenartige Verbindung zwischen der Odenwaldschule und dem Birklehof in Baden gibt es: Denn der Lebensgefährte von Ex-Odenwald-Schulleiter Becker, der Reformpädagoge Hartmut von Hentig, war von 1953 bis 1955 Lehrer für Griechisch am Birklehof, zudem als „Hauserwachsener im Saalbau“ auch zuständig für die Betreuung von Internatsschülern. „In der Zeit, in der ich da war, hat sich nichts ereignet“, sagt Hentig. Auf Nachfrage bestätigt er aber, dass einer seiner Vorgänger im Lehrbetrieb 1953 unehrenhaft entlassen worden und von dort zum Klett-Verlag gewechselt sei – dem Verzeichnis der Birklehof-Lehrer nach passen diese biographischen Angaben auf den ehemaligen Lateinlehrer Gerhardt G. „Ich weiß“, sagte Hentig dem Tagesspiegel, „aber ich möchte mit vollkommen rotierender eigener Seele nicht Auskunft geben.“ Bei seiner Einstellung habe er jedenfalls nichts zu einem Missbrauchsfall mitgeteilt bekommen. Gehört haben will er davon erst „im Laufe der Jahre“.

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