Missbrauchs-Debatte : Ultimatum gegen die Unglaubwürdigen

Ein Ex-Odenwaldschüler will den ohnehin schon ramponierten Ruf des Internats retten – und schlägt Krach im Trägerverein. Doch dem Image der einstigen Vorzeige-Reformschule drohen weitere Kratzer.

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Berlin - Mail, Fax, Telefon, es gibt viele Möglichkeiten, den Augsburger Zahnarzt Philipp Sturz zu erreichen. Auf acht Nachrichten wartete Sturz, der 49-jährige Sprecher des Trägervereins der Odenwaldschule (OSO), am Mittwoch ganz besonders. Acht Mitglieder des Vereins sollten ihm bis zum Abend mitteilen, ob sie bei der nächsten Mitgliederversammlung am 29. Mai austreten. Es sind jene Mitglieder, die von den Missbrauchsvorwürfen an der Unesco-Modellschule im hessischen Ober-Hambach gewusst haben und diesen nicht entschieden nachgegangen sind. Bis zum Abend hat Sturz keine Reaktion bekommen. Sollte sich tatsächlich niemand gemeldet haben, will Sturz an diesem Donnerstag die Konsequenzen verkünden: „Dann trete ich am 29. Mai zurück und aus dem Verein aus“, sagte er dem Tagesspiegel.

Es geht um mehr als eine Personalie, dem ohnehin schon ramponierten Image der einstigen Vorzeige-Reformschule drohen weitere Kratzer. „Die Glaubwürdigkeit der Schule steht auf dem Spiel“, sagte Sturz. „Wenn wir wieder Vertrauen herstellen wollen, müssen diejenigen Personen austreten, die die Verantwortung getragen haben, unabhängig davon, ob ihnen ein Fehler unterlaufen ist oder nicht.“

Fünf der acht betroffenen Mitglieder waren bis 27. März sogar im Vorstand. Sie traten dann aufgrund des öffentlichen Drucks zurück, darunter auch die ehemalige Vorstandsvorsitzende Sabine Richter-Ellermann. Die drei übrigen Mitglieder, die zuletzt nicht im Vorstand waren, hatten früher führende Positionen. Der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi zum Beispiel. Er war stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Da alle Betroffenen weiter Vereinsmitglieder sind, können sie den neuen Vorstand wählen. „Das beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit des Vereins“, sagte Sturz.

Warum der Vereinssprecher zumindest bis zum Redaktionsschluss „keine Signale für einen Rücktritt“ erhalten hat, ist leicht zu erklären. Die Betroffenen haben keinen Grund gesehen, weitere Konsequenzen zu ziehen. So schrieb Richter-Ellermann in einer Stellungnahme: „Ich trete zurück in dem klaren Bewusstsein, dass ich niemals Dinge vertuscht oder Ermittlungen behindert habe.“

Sturz ist seit dem Rücktritt des Vorstands Sprecher des Vereins. Er teilt diese Funktion mit Norbert Hofmann, von dem am Mittwoch keine Stellungnahme zu erhalten war. Bis zur nächsten Mitgliederversammlung gibt es nur einen Interimsvorstand, bestehend aus der Schulleiterin Margarita Kaufmann und OSO-Geschäftsführer Meto Saljevic.

Sturz hat seine eigene Geschichte im Verein. Der OSO-Altschüler ist seit 1998 Mitglied. 1999, sagte er, habe er erstmals von „Gerüchten“ gehört, der frühere Schulleiter Gerold Becker habe Schüler missbraucht. Eine andere OSO-Altschülerin habe in einem Brief eindringlich empfohlen, auf die Gerüchte zu reagieren. „Diesen Brief habe ich an den Vorstand weitergeleitet“, sagte Sturz. „Aus heutiger Sicht hätte ich nachbohren müssen, ob die von uns vorgelegten Empfehlungen konsequent umgesetzt wurden. Aber ich habe mich darauf verlassen, dass alles in die Wege geleitet wurde.“ Als einfaches Vereinsmitglied sei er vom Vorstand nie über Gespräche mit Opfern informiert worden. Konkrete Missbrauchsschilderungen „habe ich erst im Februar 2010 erhalten“.

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