Politik : Missile Defense: Teststation in Alaska

Friedemann Diederichs

Der Countdown läuft: Innerhalb der nächsten sieben Tage werden nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums die Arbeiten an einer Militäranlage in Alaska beginnen, die offiziell zunächst nur als "Teststation" für das heftig umstrittene weltraumgestützte Raketen-Abwehrsystem MD ("Missile Defense") dienen soll. Die Pläne des Pentagon sehen jedoch auch vor, dass die Station auf dem Areal von Fort Greely - rund 160 Kilometer südöstlich der Stadt Fairbanks - dann als fester Bestandteil des Abwehrkonzeptes dienen soll, wenn alle anderen technischen Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Die Regierung von Präsident George W. Bush vertritt die Auffassung, die jetzt in Auftrag gegebenen Konstruktionsarbeiten würden keinesfalls die 1972 mit Moskau abgeschlossenen ABM-Vereinbarungen verletzen, nach denen die Errichtung eines nationalen Raketen-Verteidigungssystems beiden Seiten verboten ist. Kritiker des Projektes in Washington rechnen dennoch mit heftigen Reaktionen der russischen und auch der chinesischen Regierung. Beide Staaten haben bisher - ebenso wie die meisten EU-Mitgliedsländer und auch die Bundesregierung in Berlin - erhebliche Vorbehalte gegen das MD-Projekt geäußert.

In Washington bemüht man sich deshalb derzeit auffallend, die Bedeutung des ersten Spatenstichs für die Anlage in Alaska herunterzuspielen. Frühestens 2003 werde der Gebäudekomplex einsatzbereit sein, der eine Kommandozentrale und Abschusssilos umfasse, so eine Pentagon-Sprecherin. Auch sei die Finanzierung des Gesamtprojektes noch nicht endgültig geklärt und bedürfe der Zustimmung des Kongresses. Dennoch ist die künftige Aufgabe der Station bereits fest unmrissen: Raketen sogenannter "Schurkenstaaten" zu orten und zu zerstören, die über den Pazifischen Ozean hinweg die USA ansteuern könnten. Zwei von bisher vier Tests dieser neuen Technologie sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums erfolgreich verlaufen. Diese Bewertung wird allerdings stark in Zweifel gezogen, seit Wochen nach dem letzten Versuch im vergangenen Monat ein Pentagon-Sprecher kleinlaut einräumen musste, dass die Umstände des Tests wenig mit realistischen Bedingungen einer möglichen Attacke zu tun hatten. So half beispielsweise ein an die "Angriffsrakete" montierter Signalgeber dem von Pentagon-Technikern abgefeuerten Abfanggeschoss ("kill vehicle"), sein Ziel zu finden. Im Ernstfall würde es eine heranrasende Rakete den Verteidigern wohl kaum so leicht machen.

Auch hatte das "kill vehicle" bisher keine Probleme, zwischen der anfliegenden Rakete und den bei einer realen Attacke zu erwartenden Täuschungsmanövern des Feindes zu unterscheiden. Das "kill vehicle" war bei allen vier Tests genau programmiert worden, um das Angriffsprojektil zu identifizieren und sich nicht von einem einzigen großen Mylar-Ballon - der feindliche Störmanöver simulieren sollte - ablenken zu lassen. Das funktionierte in zwei von vier Fällen. Im Falle eines wirklichen Angriffs müsste das Abfanggeschoss aber den echten Sprengkopf unter mehreren Attrappen herausfinden.

Politisch hat US-Präsident Bush bisher nicht das angestrebte Ziel erreichen können, zumindest in Moskau mehr Verständnis für das ehrgeizige Rüstungsprojekt zu wecken. Nach dem G-8-Gipfel in Genua hieß es zwar aus Washington, der Kreml sei zu Zugeständnissen in Sachen ABM-Vereinbarungen bereit. Doch ein folgender Besuch von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Moskau verlief ernüchternd. Rumsfeld erklärte nach seiner Rückkehr in einem Interview, man halte weiter an den Plänen zu einer einseitigen Aufkündigung der ABM-Verträge fest, falls es mit Moskau keine Einigung in dieser Frage gebe: Ein deutliches Zeichen für Pessimismus innerhalb der Bush-Regierung, die Differenzen mit dem Kreml aus der Welt schaffen zu können.

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