Politik : Mission nicht erfüllt

Washington rätselt über den plötzlichen Abgang des CIA-Chefs – Rauswurf oder Rücktritt?

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Die Liste potenzieller Personen, denen Präsident George W. Bushs neuer Stabschef als nächstes die Tür weisen könnte, ist lang – Vize-Präsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld eingeschlossen. Doch mit dem Rücktritt von CIA-Direktor Porter Goss hatte in Washington niemand gerechnet. Am Freitagnachmittag, traditionell der Zeitpunkt zur Bekanntgabe von Nachrichten, die möglichst schnell wieder vergessen werden sollen, bot Goss an, seinen Posten abzugeben. Der Präsident akzeptierte.

In einer Zeit des Übergangs habe Goss den US-Auslandsgeheimdienst kompetent geführt, sagte Bush, „er hat dabei geholfen, dieses Land zu einem sichereren Ort zu machen“. Die CIA sei zurück in ruhigem Fahrwasser und segle gut, gab Goss zurück. Gründe für seinen überraschenden Schritt nannte er nicht. Goss hatte das Amt erst im September 2004 von George Tenet übernommen, der unter anderem wegen falscher Informationen über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak geschasst worden war. Goss war damals mit großer Mehrheit mitten im Präsidentschafts-Wahlkampf vom Senat bestätigt worden. Seine wichtigste Aufgabe sollte die grundlegende Reform der CIA in den nächsten fünf Jahren sein.

Goss, ehemaliger Geheimdienst-Mann und Kongressabgeordneter aus Florida, brachte dazu eine Reihe von Vertrauten in die CIA. Ein Schritt, den viele Angestellte mit Misstrauen beobachteten. Es folgte ein Exodus erfahrener Mitarbeiter, der dem Amt schwer zu schaffen machte. Zudem musste Goss hinnehmen, dass ihm John Negroponte im März 2005 vor die Nase gesetzt wurde, der seither an der Spitze der insgesamt 16 US-Geheimdienste steht. Wegen des angespannten Verhältnisses des Chefs zu großen Teilen der CIA befinde sich die Behörde „in freiem Fall“, bemängelte kürzlich die demokratische Kongressabgeordnete Jane Harman. Die Behörde habe 300 Jahre Erfahrung verloren, weil Mitarbeiter gegangen oder gefeuert worden seien.

Auch der Druck von außen wurde nicht kleiner. Al-Qaida-Chef Osama bin Laden befindet sich weiter auf freiem Fuß – auch wenn Goss nicht müde wurde zu betonen, seine Agenten seien ihm auf den Fersen. Im November 2005 berichtete die „Washington Post“ zudem über Geheimgefängnisse, die die CIA weltweit unterhält. Dort würden Gefangene jenseits aller Rechtsstaatlichkeit festgehalten und zum Teil gefoltert. Weder US-Regierung noch Geheimdienst haben die Existenz der Gefängnisse bis heute offiziell bestätigt. Vor zwei Wochen gab Goss jedoch die Entlassung einer hochrangigen CIA- Mitarbeiterin bekannt, weil sie angeblich Geheiminformationen weitergegeben habe. Die Entlassung erfolgte nach intensiver Verrätersuche in den eigenen Reihen, bei der Goss auch Lügendetektoren einsetzte. Ein Umstand, der ihn nicht beliebter machte.

Die Frage, ob Goss, der auch über seine ungeheure Arbeitslast klagte, tatsächlich nur aus Amtsmüdigkeit den Hut nahm, war am Freitag in Washington Gegenstand lebhafter Spekulationen. Begleitumstände zu seinem überraschenden Abgang blieben jedoch im Dunkeln.

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