Politik : Missklang zum Auftakt

Papst billigt in Brasilien Exkommunikation von Abtreibungsbefürwortern und erntet Empörung

Martin Gehlen

Berlin - Zum Auftakt seines Besuches in Brasilien hat Papst Benedikt XVI. eine scharfe Kontroverse zum Thema Abtreibung ausgelöst. Das katholische Oberhaupt war auf dem Flug nach Brasilien von Journalisten zur Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Mexiko-Stadt und Brasilien befragt worden. In seiner Antwort unterstützte er ausdrücklich die Drohungen der Kirche, Politiker, die ein Gesetz zur Liberalisierung von Abtreibungen beschließen, zu exkommunizieren oder von der Kommunion auszuschließen. „Das Töten von unschuldigen Kindern ist nicht vereinbar mit der Kommunion“, sagte Benedikt und fügte später hinzu, das Kirchenrecht lasse die Exkommunikation mexikanischer Abgeordneter zu, die vergangenen Monat für eine entsprechende Vorlage gestimmt hatten.

Am Donnerstagabend traf Benedikt mit Staatspräsident Lula da Silva zusammen, der ebenfalls eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts befürwortet. Der Präsident habe nicht die Absicht, mit dem Papst über das umstrittene Thema zu reden, erklärte ein Regierungssprecher. Gesundheitsminister José Temporao reagierte dagegen empört. Die Kirche dürfe nicht der gesamten Gesellschaft Dogmen und Gebote aufzwingen. Der Minister erklärte, rund 250 000 zumeist arme Frauen müssten jährlich in Brasilien wegen der Folgen illegaler Abtreibungsversuche behandelt werden. „Wenn Männer schwanger würden, hätten sie eine andere Meinung zu dem Thema.“

Am Mittwochabend war Benedikt bei kühlem Wetter und Nieselregen von etwa zehntausend Menschen empfangen worden, als er durch die Straßen der 20-Millionen-Metropole fuhr. Auf dem Flughafen bereitete Präsident Lula dem Gast nur einen kurzen Empfang ohne die ansonsten üblichen Nationalhymnen. Brasilien gilt weltweit als das Land mit den meisten Katholiken, allerdings leidet die Kirche seit Jahrzehnten an massiver Abwanderung der Gläubigen. Ohne diese Abwendung von der Kirche ausdrücklich beim Namen zu nennen, rief Benedikt die Katholiken in Lateinamerika zu „neuem Schwung und missionarischem Eifer“ auf. Notwendig sei eine Erneuerung der christlichen Identität auf dem Kontinent.

Offizieller Anlass der ersten Überseereise des Papstes ist die Eröffnung der Sitzung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz am Wochenende im Wallfahrtsort Aparecida, bei der der rasante Zulauf für protestantische „Freikirchen“ und Sekten ein Hauptthema ist. In Brasilien sind neuesten Umfragen zufolge nur noch knapp zwei Drittel der 190 Millionen Einwohner katholisch. Vor 25 Jahren waren es noch über 90 Prozent.

Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Joseph Ratzinger bei verschiedenen Gelegenheiten klargestellt, dass Befürworter von Abtreibungen nicht zur Kommunion gehen dürften. Mit einem entsprechenden Schreiben an die US-Bischofskonferenz hatte der damalige Kurienkardinal seinerzeit sogar direkt in den Präsidentschaftswahlkampf 2004 eingegriffen. Das Schreiben richtete sich gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry, der als Katholik ein liberales Abtreibungsrecht befürwortete. Ratzinger schrieb damals: „Jeder einzelne Katholik muss sich vor jedem Kommunionsempfang prüfen, ob er in der vollen Gemeinschaft mit der Kirche steht. Abtreibung und Euthanasie sind schwere Sünden. Christen dürfen mit einer Praxis, die Gottes Gesetz entgegensteht, nicht zusammenarbeiten.“ (…) Der jeweilige Kommunionspender müsse wie im Falle einer Exkommunikation bei einem „hartnäckigen Verharren in einer offenkundigen schweren Sünde“ die Kommunion verweigern. Diese schwere Sünde werde besonders deutlich, wenn ein katholischer Politiker sich beständig für ein Recht auf Abtreibung ausspreche.

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